galjunt.
alt.
Gefangen in den Erinnerungen. Dem Jetzt ausgeliefert. In der Zukunft tot. Alte Menschen haben keinen Platz in der Gesellschaft. Sie stören. Sind lästig. Halten auf. Das Problem: es gibt zu viele von ihnen. Und so muss sich eine soziale Gemeinschaft gezwungenermaßen um sie kümmern. Der einfachste Weg ist es, sie in Einrichtungen zu sperren, in denen man ihnen einen neuen Lebensabschnitt verspricht. Für die Kinder der Alten ist das Versprechen einer solchen Einrichtung ein Segen. Verantwortung abgeben. Wie bekommt man sonst Familie und die Verwirklichung des individuellen Seins in eine Harmonie. Dass die Work-Life Balance stimmt. Schon die eigenen Kinder sind da problematisch. Und sich jetzt noch um die Alten kümmern. Bei aller Liebe. Irgendwann ist auch mal gut. Und so schrumpelt das Alte, in süßsäuerlich duftenden Fluren, Speisesälen und Aufenthaltsräumen vor sich hin. Immer in der Hoffnung, noch rausgeholt zu werden. Denn man hat doch, ist doch, eine Familie. Früher war es selbstverständlich, dass sich die Jungen um die Alten gekümmert haben. Was ist passiert! Mit der Zeit! Mit der Familie!
Dass Erna keine Kinder bekommen konnte, hat ihr Leben in eine Richtung gelenkt, die sie niemals erwartet hatte. Selbstverständlich bekommt man Kinder. Eine Brut, um die sich die Glucke kümmert. Während der Hahn stolziert. Das war das Glück. So wie alle jungen Frauen in ihrem Umfeld. Mutter sein. Der Schmerz über das Kinder Los war so groß, dass ihr damals der Gedanke an ein Weiterleben unmöglich erschien. Aber das Schicksal hatte etwas anderes mit Erna vor. Was genau das sein sollte, hat sie nie verstanden. Vielleicht den Entschluss zu treffen, ein Leben als Einsiedlerin zu führen. Sich abzuschotten von dem Glück auf den Straßen, dem Kindergeschrei, den erwartungsvollen Blicken der Nachbarn, dem mitleidvollen Getuschel hinter ihrem Rücken. Den Gang ins Heim aber, soviel weiß sie, wird sie niemals antreten. Sie wird ihr Haus nicht verlassen, sie wird hier wohnen bleiben, bis sie tot umfällt. Ihr Glück ist, dass es niemanden gibt, der sie in ein Heim drängt, zwingt oder erpresst. Einsamkeit hat Vorteile. Keine Erwartungen, die man erfüllen muss. Vor niemandem Rechenschaft ablegen. Ihre Selbstständigkeit.
Erna streckt sich. Ihre Knochen knacken. Sie muss dabei immer an Knäckebrot denken. Ein Scheibe am Morgen, mit Butter und Käse. Verächtlich legt sie die Broschüre für das Altenpflegeheim Zum Goldenen Abschluss zur Seite, trinkt den letzten Schluck schwarzen Kaffee, steht auf, aber bitte schön ohne Stock, stellt die Tasse in die Spüle, knipst das Licht aus, schnappt sich den Jutebeutel an der Türklinke zum Hinterausgang und hat etwas vergessen. Mist, schon wieder. Passiert ihr öfter. Dieses Vergessen. So schlimm wie bei Anneliese ist es noch nicht. Wird es nicht, nein niemals! Anneliese hat alles vergessen und wurde eines Tages abgeholt. Nicht von ihren vier Kindern und sechs Enkelkindern. Sondern von fremdsprechenden Männern in weißen Hosen. Und vegetiert nun in Zur schönen Aussicht vor sich hin. Noch so eine Hölle, in die senile Menschen abgeschoben werden, weil sie keiner mehr will.
Sie öffnet die Tür, greift, bevor sie heraustritt, in ihre Parkertasche und wirft ein paar Kürbiskerne auf den mit Linoleum ausgelegten Küchenboden. „Bis später, mein kleiner Admiral“, ruft Erna mit einem Lächeln im Gesicht. Kurz bevor die Tür ins Schloss fällt, hört sie noch ein Rascheln und Knacken aus der Küche. Sie nickt zufrieden und beginnt ihr Tagwerk.
jung.
Alleingelassen und vergessen wurde er in eine Ecke gestellt. Das Gesicht zur Wand. Soll er sich mit sich selbst beschäftigen. Nur keine Umstände bereiten. Nicht stören. So steht er da. Mit Staub bedeckt. Verlassen. Trotz Anwesenheit der Eltern. Die schimmeln auf dem Sofa vor sich hin. Oder rauchen am Küchentisch. Oder versinken im Suff. In der Siedlung. Zehnter Stock. Betonklotz. Schandfleck der Stadt. Über die Siedlung wird gelacht. Hohe Häuser. Kein Baum. Kein Spielplatz. Da ist es nicht cool. Da ist es gefährlich. Und alle sind immer betrunken. Da wo die zivilisierte Bevölkerung die Menschen abschiebt, die nicht gesellschaftsfähig sind. Weil der Unterschicht nicht einfällt, wie sie an einer Gemeinschaft teilnehmen soll. Und weil die Allgemeinheit nicht weiß, wie sie diese Menschen integrieren kann. Zu kompliziert. Zu viel Ärger. Zu viel Fremdheit. Sollen die sich halt mal anstrengen. Wir sind doch ein Sozialstaat, in dem niemand nicht arbeiten muss. In dem Fleiß belohnt wird. In dem Ausdauer und Hartnäckigkeit Anerkennung finden. Ihr aber seid wie Parasiten und die Schnorrer dieses Landes. Wir sagen es noch mal: geht arbeiten wie jeder normale Bürger auch und fresst euch nicht auf unsere Kosten durch die Billigdiskounter! Und wenn schon deine Eltern verloren sind, streng du dich wenigstens an, Junge. Ihr müsst nicht in der Siedlung wohnen bleiben. Am Rand und im Dreck der Stadt. Deine Eltern haben immer die Wahl. Aber seine Eltern verlassen die Wohnung nur, um schlecht einzukaufen.
Patrick hat gelernt, nicht aufzufallen. Er meidet jeden Kontakt. Immer in Angst, was falsch zu machen. Etwas zu sagen, was man nicht verstehen könnte. Ein Einzelgänger. Patrick ist klein und dünn. Seine passive Raucherlunge ist schwarz. Der Husten trocken und schmerzhaft. Aber das Pausenbrot schmiert er selbst. Mortadella mit Butter auf altem Toastbrot. Heute zwei Portionen. Denn er will nach der Schule wieder zu den Staren in sein Kingdom. Er geht zur Tür und wünscht sich, dass ihm seine Eltern sagen, viel Spaß in der Schule und sei pünktlich zum Mittagessen wieder da. Als er die Wohnungstür öffnet, wartet er noch einen Augenblick, aber nichts, kein Wort. Nur die Stimmen aus dem Fernseher. Der Fahrstuhl ist schon seit Monaten kaputt. Patrick wäre gern ein Superheld. Mit Flügeln. Ein Vogelmensch. Dann würde er aus dem Küchenfenster steigen und sich mit kräftigem Flügelschlag aufmachen. Abenteuer erleben. Die Welt retten. Sich retten. Dann würde er auf dem Schulhof landen. Alle Kinder würden sich um ihn scharen. Ihn fragen, ob sie mal seine Flügel anfassen dürfen. Ihn fragen, welchen Verbrecher er heute wieder geschnappt hat. Ihn fragen, ob er sie einmal mitnehmen kann. In die Luft. Ganz nach oben. Um dem zu entfliehen, was da unten wie ein Ameisen Haufen vor sich hin wimmelt. Um einen Ort zu finden, an dem Patrick keine Angst haben muss. Stattdessen nimmt er drei Stufen auf einmal. Und läuft los. 45 Minuten braucht er zur Schule. Das Busgeld behalten die Eltern.
alt.
Die Farbe, die Erna seit ihrer Kindheit am deutlichsten und auch jetzt mit ihren vom grauen Star getrübten Augen sieht, ist rot. Ein Stier. Der missbrauchende Vater mit dem Schlachtermesser in der Hand. Vor ihm, der Kollos mit Hörnern. Liegt auf dem kalten, gefliesten Boden. Betäubt mit dem penetrierenden Schlachtschussapparat. Bei dem der Bolzen in das Gehirn des Schlachttieres eindringt. Tiere mit einer starken Schädeldecke, wie bei Ferdinand, Ernas Lieblingsstier, werden, bevor man sie zerlegt und verarbeitet, mit einem gezielten Bolzenschuss ins Gehirn betäubt.
Der Vater legt eine Kette um die Hinterbeine des Stiers. Befestigt das andere Ende der Kette an einer Seilwinde. Noch lebt Ferdinand. Der Tod tritt erst später, durch die Entblutung ein. Durch das Aufschneiden der Hauptschlagader. Durch einen Schnitt in beide Halsschlagadern. Oft spüren die Tiere noch, wie der Schlächter sein Messer zum tödlichen Stoß ansetzt. Erna ist sich sicher, dass Ferdinand trotz Bolzenschuss alles mitbekommt. Zu groß sein Wille zu leben. Der Vater spürt es auch und setzt zum Bruststich an. Damit durchtrennt er die großen Blutgefäße in Herznähe. Durch den Blutentzug wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Das Tier stirbt. Befreit von der Qual. Jetzt auch Ferdinand. Erleichterung bei Erna. Dann schmeckt sie das Salz der Tränen, das auf ihren Kinderwangen in die zitternden Mundwinkel läuft. Das Blut strömt über die Arme des Vaters. Der Vater ist ernst, ruhig, gewissenhaft. Verzieht keine Miene. Kein Blick zu Erna, die nur ein paar Meter entfernt dabei steht und zusieht, wie er den Stier in seine Einzelteile zerlegt. Das Fleisch. Das Blut. Der Vater. Die roten Spritzer auf seiner Jacke. In seinem Gesicht. Das Tuch. Mit alten rotrostigen Blutspuren. Mit dem er sich das Gesicht abwischt. Der nächste Schnitt. Das Absetzen des Kopfes. Wird abgetrennt. Ebenso die Vorderfüße.
Augen, Ober- und Unterlieder sowie der Gehörgang werden entsorgt. Danach kurbelt der Vater mit seinen kräftigen Armen an der Seilwinde los, bis Ferdinand in der Luft hängt, einen halben Meter über dem Boden. Entfernung der Hinterfüße. Es kribbelt in Ernas Körper. Schwindel durchzieht ihren Kopf. Sie will gehen. Der Vater sagt „Stopp.“ Erna zuckt zusammen. „Du bleibst. Schaust zu.“ Sie richtet ihren Blick wieder auf Ferdinand, der schon große Teile seiner Haut verloren hat. Der Hautabzug. Die Haut hängt an ihm herunter wie ein großes Tuch oder Bettlaken. Erna würgt. Reißt sich zusammen. Die Entweidung. Das Aufklappen des Stierkörpers. Die Innereien. Bauch- und Brustorgane werden entnommen. Das Fleisch. Das Blut. Der Vater. Er blickt sie immer noch nicht an. Wozu. Sie gehorcht. Tut alles was er will. Wille. Den Willen brechen. Betäubt. Stumpf. Lässt sie es geschehen. Denn er ist der Vater, sie nur das Kind. Er ist alt. Sie ist jung. Ferdinand lässt sie nicht los. Kommt immer öfter zurück und beschattet sie. Kein Schutz vor dem Vater. Die Hörner verloren. Tot. Aber lebendig in ihrem alten Herzen.
jung.
Gelandet auf dem Schulhof. Sieben Uhr morgens. Die Blicke, die auf ihm liegen. Der Spott der anderen. Also Selbstschutz. Kopf nach unten. Nicht auffallen. So wie jeden Tag. Klein und gebückt geht er in das Klassenzimmer. Er ist kein schlechter Schüler. So wie man es von einem Kind aus dem sozialen Abfall erwarten würde. Patrick lernt gerne. Saugt Wissen auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Spricht nur nicht so gerne. Versteckt sich hinter seinen Komplexen. Gibt sich zufrieden mit seiner Rolle. Stumm und unscheinbar. Heute wird ein guter Tag werden. Doppelstunde Mathe. Danach Chemie, Physik und Bio. Fächer, die Patrick kann. In denen es um logisches Denken geht. Was ihm Spaß macht. Ohne es zuzugeben. Ohne zu prahlen. Die guten Noten geben den Lehrern keinen Anlass, den Jungen aufzufordern, sich mehr am sozialen Gefüge zu beteiligen. Seine Mitschüler stempeln ihn als einen Freak ab. Der nicht spricht. Den keiner will, aber jeder braucht. Was ist das sonst für eine Schulzeit, auf die man zurückblickt, ohne einen Loser in der Klasse zu haben. Aber mit der Zeit haben es seine Klassenkameraden aufgegeben, ihn zu hänseln. Er ist dafür zu langweilig. Er hat alles über sich ergehen lassen. Und ohne Widerstand macht es keinen Spaß. Also lässt man ab vom Opfer. Lässt es wie die betäubte Maus vom Spiel mit der Katze liegen und schenkt ihm keine Beachtung mehr. Fertigfutter ist doch eh viel besser. An die Maus müsste man richtig ran. Und das will man dann doch nicht. Dann wird es brutal. Und Kinder sind nicht brutal, sondern halt nur Kinder. Nach der Erniedrigung sucht man sich einfach ein neues Opfer.
Der Mathelehrer verteilt einen Überraschungstest. Patrick löst alle Aufgaben und gibt den Test nach 20 Minuten ab. Heute ist ein guter Tag.
alt.
Es ist grau und verhangen. Sie starrt in den Himmel. Erna hat sich daran gewöhnt, dass die Sonne mit ihren Strahlen geizt. Es spielt keine Rolle. Denn ihre Tagesabläufe leben nicht von der Wetterfühligkeit, sondern von der Routine und ihren Streifzügen durch die namenlose Stadt. Die sie noch nie gemocht hat. Außer ihr Haus. Es ist klein. Mit einem Garten. Hohen Bäumen. Einem Rasenstück. In einer Wohngegend, die nach dem Krieg für junge Familien aufgebaut wurde. Finanziert von der Kirche. Damals war der Glaube noch da. Den sich die Kirche über Jahrtausende hart erarbeitet und auf dem blutigen Rücken anderer ausgetragen hatte. Um dann zu heucheln und sich in einem barmherzigen Gewand zu präsentieren. Die Macht, das Geld und den Glauben der Menschen. Damit konnte man bauen und ein Stadtbild mitgestalten. Bauen mit Platz. Zwischen den Häusern und Grundstücken. Nicht so eng und hoch, wie der Höllensturz aus Beton, den alle nur die Siedlung nennen. Sozialer Wohnungsbau auf der anderen Seite der Stadt. Seit über 50 Jahren lebt Erna an diesem, von Gott verlassenen Ort. Hergezogen für ihren Mann. Der eine vielversprechende Karriere als Leiter in einer Fabrik anstrebte. Früher ist sie jeden Tag mit dem Fahrrad zu der Fabrik gefahren, um für ihren Mann am Fließband zu stehen. Aber aus dem romantischen Wunsch und der Vorstellung eines perfekten Lebens ist nichts geworden. Das Kinder Los. Die Enttäuschung. Das Abwenden und schließlich der frühe Tod ihres Mannes. Keine Suche nach einer neuen Liebe. Zu sehr geschädigt von dem bis dahin Erlebten.
Seit einigen Tagen stimmt mit ihr etwas nicht. Dieser Druck auf der Brust. Ihre Erinnerungen drängen sich auf. Wollen ihr etwas mitteilen. Erna verlässt ihre Route immer öfter. Die Vergangenheit führt sie an Orte, die aus Schutz in Vergessenheit geraten sind.
Der Gärtnerplatz. Ihr Mann und Erna auf der Bank ohne Lehne. Zwischen ihren Fließbandschichten und seinen kurzen Pausen. Verkrampfte Berührungen. Gespräche, die aus wenigen Worten und hauptsächlich Schweigen bestanden. Unerträgliche Stille. Unausgesprochene Missverständnisse und Vorwürfe. Sie hat versucht, diesen Platz zu meiden. Er hat bei ihr Wunden gerissen, die nur mühsam verheilt sind. Doch die Geister in ihrem Kopf führen etwas im Schilde.
Ihr Mann. Ich werde sterben.
Erna. Wann?
Ihr Mann. Die Lunge. Sie ist schwarz.
Erna. Ernte dank.
Ihr Mann. 23 zu viel.
Erna. Du machst Witze!
Ihr Mann. Du nicht?
Erna. Ich habe verlernt zu weinen.
Ihr Mann. Lachend sterben.
Erna. Warum erzählst du mir das?
Ihr Mann. Du. Wir. Kinder Los.
Erna. Hat dich doch nie interessiert.
Ihr Mann. Du hast recht.
Erna. Einsicht?
Ihr Mann. Angst.
Erna. Der Tod?
Ihr Mann. Zu früh.
Erna. Zu früh, für was?
Ihr Mann. Mein Leben.
Das letzte und einzige ehrliche Gespräch zwischen ihr und ihrem Mann. Danach ging es schnell. Und Erna erstarrte als Witwe am Fließband.
Der Gärtnerplatz ist geblieben und konfrontiert den Schmerz mit ihrem Zeitvertreib. Flaschensammeln. Im Müll wühlen. Schätze finden. Nie hätte sie gedacht, daran eine Lust zu entwickeln. Ein Nervenkitzel, ob man die Erste ist, die das kleine Geld in Glas und PET zu fassen bekommt. Nachdem sie sich nach ihrer Rente in ihrem Haus eingeschlossen hatte, war das Flaschensammeln wie eine Befreiung. Ihr Radius wurde immer größer und sie entdeckte so die verhasste Stadt neu für sich.
Erna biegt am Gärtnerplatz um die Ecke. Bemerkt den Jungen. Beobachtet ihn. Sie fängt an, unverständliche Worte vor sich hin zu nuscheln. Ablenkung. Findet Flaschen im Abfall. Und entscheidet sich, wieder zu gehen. Allein das kurze hier auftauchen beruhigt schon etwas in ihr. Nimmt etwas Druck von ihrer Brust. Will sie Frieden schließen?
Sie spürt die Blicke des Jungen. Erna fühlt sich zu ihm hingezogen, ohne sagen zu können warum. Was ist mit ihm? Warum ist er hier?
galjunt.
Erna.
Weil du alt bist. Wie alt. Vergessen. Weil du aufgehört hast, zu zählen. Weil dich niemand daran erinnert. Weil die Erinnerung daran verschwindet. Du bist schon angealtert. Charmanter ausgedrückt: nicht mehr ganz so jung. Andere Beschreibung für verbraucht. Das Verfallsdatum ist überschritten. Wir können auch sagen, gut gealtert. Noch rüstig, aber im Geschmack oll. Also nicht mehr frisch. Irgendwie abgestanden und dadurch auch leicht eklig. Früher, ja, da warst du schön, aber jetzt bist du gewesen. Schon mit einem Bein im Grab. Also bald vergangen. Deine Zeit ist abgelaufen. Du läufst deine letzten Meter. Es reicht dann auch. Ja, die war schon in einem guten Alter. Da darf man auch mal abdanken. Danke doch endlich mal ab. Für mehr Raum und Platz. Der ist nämlich zu gering. Und du bist abgetragen. Kirchlich: in einem gesegneten Alter. Du bist noch da, aber schon gewesen. Verflossen, ist zu romantisch, zu jung. Die Blüte. Verwelkt. Bereit mit Daumen und Zeigefinger abgeknipst zu werden. Vergammelt. Mit einer Schimmelschicht bedeckt. Nicht mehr genießbar. Einfach schlecht. Ja! Schlächt. Schlächter. Ihr Vater war ein Schlächter. Ein missbrauchender Schlächter. Rot. Das Fleisch. Das Blut. Der Vater. In Ernas Erinnerung. Ist sie daran kaputt gegangen. Schon damals keine Knospe mehr. Gerade geöffnet. Und kurz danach sofort benutzt. Beschmutzt. Und gebraucht. Von dem Schlächter missbraucht. Weil zu verlockend, die blühende Hoffnung. Aus der Not der Zeit. Der Missbrauch. Verstanden und entschuldigt. Der Vater. Weil du Jung warst.
Patrick.
Weil du jung bist. Kindlich und klein. In allem unerfahren, aber schon bald geschlechtsreif. Damit für Nachschub gesorgt ist. Für die Überbevölkerung. Für die Überzukunft. Das erwartet die wachsende Gemeinschaft von dir, du blutjunger Spross. Auch wenn alle das Grüne hinter deinen Ohren sehen und riechen. Wasch dich doch mal. Das Grüne geht nicht weg. Deshalb kann man dich auch nicht ernst nehmen. Muss man dir nicht richtig zu hören, weil zu naiv, zu wenig Lebenserfahrung. Also sei still oder wenn du was sagst, sag es kindgerecht. Deinem Alter angemessen. Sprich über Idole und Sport. Nicht über das Wetter und die Macht. Du bist klein, nur halb im Wuchs. Kein richtiger Jugendlicher. Ein Wicht, um genau zu sein, ein Knabe. Aber Knabe sagt man lieber nicht. Führt uns auf eine falsche Fährte. Knabe ist doch zu sehr Kirche, das ist zu anzüglich, zu gefährlich, zu verlockend, für manche Priester, weil minderjährig, noch nicht mündig. Du Mündel. Mund. Nimm. Ihn. In. Den. Mund. Weil auch reizvoll. Weil knusprig und frisch. So ein Jungchen ist schon was Feines, wenn noch unschuldig, unbenutzt und unverdorben. Mit frischer Haut. Ohne Falten. Ganz weich und zart. Besaitet. Du bist zu zart besaitet. So dünnhäutig und verletzlich. Zu sensibel. Du bist kein richtiger Junge. Du bist nicht kess, du bist gering.
Ja, das trifft es am deutlichsten, wenn Patrick über sich nachdenkt. Er ist gering. Einfach und von niederer Herkunft. Mangelhaft. Nichts wert. Unbedeutend. Ob es ihn überhaupt braucht? In dieser Zeit! Für eine verdorbene Zukunft.
schwarmintelligenz.
Der Nachmittag. Angekommen auf dem Gärtnerplatz. Ein vergessener Ort. Verwahrlost. Abgeschieden. Umgeben von hohen Bäumen und dichten Sträuchern. Auf der anderen Seite mit weitem Blick über Felder auf das Industriegebiet. Sucht Patrick Ruhe. Findet das Allein sein. Vertreibt sich die Zeit nach der Schule.
Als er den Platz entdeckte und sich das erste Mal auf die moosbedeckte Bank ohne Lehne setzte, schaute Patrick lange in den Himmel. Immer eingeklemmt zwischen hohen Häusern, umgeben von der lärmenden Stadt löste sich hier sein Atem. Weitete sich sein Blick. Der Himmel war an diesem Tag ungewöhnlich klar. Nur eine schwarze Wolke. Ein grotesker Anblick. Wolken sind nichts Besonderes. Doch bei dieser schwarzen Wolke war etwas anders. Sie erschien ihm lebendig. Sie veränderte fast sekündlich ihre Struktur. Mal trichterförmig wie ein Tornado, wurde die Wolke schlauchförmig und verwandelte sich dann in eine breite und bewegliche Fläche. Je länger Patrick in völliger Faszination nach oben blickte, wurde ihm klar, dass die Wolke ein Schwarm von tausenden kleinen Vögel war. Plötzlich schoss der Schwarm auf den Gärtnerplatz zu. Im Bruchteil von Sekunden umgab ihn die schwarze Wolke, die eben noch am Himmel tanzte. Verteilte sich mit ohrenbetäubendem Vogelgeschrei auf die Bäume und Büsche. Patrick war von dem Naturspektakel verzaubert. Immer öfter kam er nach der Schule hier her. Beobachtete die schwärzlich, metallisch grün schimmernden Singvögel. Stare sind außerhalb der Brutzeit sehr gesellige Vögel und treten in riesigen Schwärmen auf, um gemeinsam auf Nahrungssuche zu gehen. Sie bilden eine gleichwertige Gemeinschaft, die Patrick unter Menschen nicht kennt. Ein soziales Gefüge, in dem alle ganz selbstverständlich füreinander da sind. Keine Fragen. Keine Erwartungen. Patrick will mit ihnen fliegen. Will ein Teil dieses Schwarms sein. Der Gärtnerplatz war für ihn ein Ort der Magie. Er hatte ein Geheimnis entdeckt, was scheinbar niemand kannte, denn er war hier für lange Zeit allein.
Doch seine Idylle wurde durch SIE zerstört. SIE platzte in den Frieden, den er hier mit sich und der Natur geschlossen hatte und lüftete das Geheimnis.
Er schaut auf seine Uhr. Spürt seine innere Unruhe. Wut. Eine Ungerechtigkeit! Gleich wird SIE wieder um die Ecke biegen. Seit Anfang dieser Woche jeden Tag.
Gehüllt in einen olivfarbenen Parker betritt die alte Frau den Gärtnerplatz. Sie hat einen kleinen Buckel und ist nicht größer als Patrick. Ihre weißen Haare sind zu einem Dutt zusammengesteckt. Das Gesicht verschlossen und mürrisch. Sie würdigt ihn keines Blickes. Bleibt neben ihm stehen, und beginnt in der Mülltonne zu wühlen. Fischt aus den Abfallresten Flaschen, verstaut sie in ihrem Beutel und tapert dann weiter.
Patricks Gedanken, seine Verärgerung über den Störenfried kommen ins Stocken. Denn seit IHREM auftauchen keimt in ihm auch ein anderes und fremdes Gefühl. Die alte Frau berührt etwas in ihm. Was ist das? Das Ältliche und Gebrechliche? Vielleicht Fürsorge? Oder der Wunsch nach Geborgenheit? Wieso ekelt er sich nicht vor ihr? Dem schrumpeligen Fleisch? Das ist doch krank. Er ist doch nicht pervers. Aber er muss ihr folgen. Das dachte er schon gestern. Patrick steht auf. Gibt die Selbstkontrolle ab. Schaltet die Vernunft aus. Lässt sich leiten von seinen inneren Gefühlschaoten.
jagen.
Wie ein Raubtier schleicht er ihr nach. Verfolgt seine Beute bis der richtige Zeitpunkt kommt, um zuzuschlagen. Alles um ihn herum verschwimmt. Raum und Zeit sind vergessen. Straßen und Wege, eine graue Masse. Orientierungslos. Vernebeln ihm seine widersprüchlichen Gedanken und Gefühle die Sinne. Steigert Patrick sich immer fanatischer in die Verfolgung seines Opfers. Du brichst mein Geheimnis. Nun will ich auch deins aufdecken. Du brichst in mein Reich ein. Jetzt will ich auch in deins eindringen. Ich will dich in die Enge treiben! Falls nötig mit Gewalt. Als Rache für das, was mir angetan wurde. Er bricht ab. Halb ihm Wahn steht Patrick vor der Tür eines kleinen Hauses. Ein verwilderter Garten. Umschlossen von einer Hecke und Bäumen. Die alte Frau ist verschwunden. Durch diese Tür? Sie ist mit Efeu zugewachsen und überwuchert und macht nicht den Eindruck, in den letzten Jahren benutzt worden zu sein. Verwirrt setzt sich Patrick auf den feuchten Boden. Er blickt sich um. Es ist dunkel. Wie lange waren die beiden unterwegs? Verloren gegangen in der Verfolgung. Verfangen in seinem Irrsinn. Ist er sich selbst abhandengekommen. Patrick schlägt sich ins Gesicht. Er steht auf. Trotz der Dunkelheit bemerkt er, dass das Haus in keinem guten Zustand ist. Das Efeu wuchert und umschlingt das Gebäude, wie eine Spinne, die ihre Beute in ihre Fäden einspinnt.
Patrick entdeckt ein Gartentor, öffnet es und tritt ein. Ein schwaches Licht fällt aus einem Fenster nach draußen. Er schleicht sich vorsichtig an und lugt hinein.
Die alte Frau sitzt auf einem Stuhl und stellt die gesammelten Flaschen auf den Tisch. Das Küchenfenster steht gekippt. Patrick duckt sich. Steht still. Und lauscht. Er hört ein pickendes und knackendes Geräusch.
„Lassen Sie es sich schmecken, mein kleiner Admiral. Ich war wieder am Gärtnerplatz. Ich musste dort hin. Der Druck auf meiner Brust. Meine Erinnerungen spielen mit mir. Ich kann nicht mehr vergessen. Das Alte. Mein Mann. Ferdinand taucht immer öfter auf. Auch wenn ich wach bin. Fällt das rote Tuch herunter und zeigt mir sein aufgewischtes Blut.“
Patrick zuckt zusammen. Blut? Kleiner Admiral? Mit wem spricht die Frau? Patrick will einen erneuten Blick durch das Fenster werfen. Er fährt mit seinem Körper langsam an der Hauswand nach oben. Und schaut plötzlich direkt in das Gesicht der alten Frau. Wenn die Scheibe nicht dazwischen wäre, würden sich ihre Nasenspitzen berühren.
„Warum stellst du mir nach, Junge! Meinst du, ich bin zu verkalkt und habe nicht gemerkt, dass du mir vom Gärtnerplatz bis hierher gefolgt bist? So schlecht und offensichtlich!“ Patrick stolpert rückwärts in einen Strauch. Bleibt leicht gebückt stehen. Ernas grüne Augen durchdringen ihn. Fräßen sich in seinen Kopf, lassen ihn nicht mehr denken oder irgendetwas tun. Kein Entkommen. Gefangen im Blick. Im Netz der Efeuspinne. Und Erna lässt ihn nicht los. Den ganzen Weg über hat sie seine Anwesenheit gespürt. Wie er wirr und wahnsinnig vor sich hingesprochen hat. Etwas von, sie drangsalieren zu wollen, von Fürsorge und seinem Kingdom.
„Hey Junge, sprich zu mir. Was schleichst du hier herum? Warum verfolgst du mich? Bist du so ein krimineller Bengel aus der Siedlung? Wie heißt du? Rede!“
Patrick ist mit der Situation völlig überfordert. Nichts was er ihr entgegensetzen kann.
„Wenn du nicht sprichst, dann verschwinde jetzt Junge, oder ich rufe die Polizei. Du siehst, ich bin alt. Und alte Menschen sind immer misstrauisch, wenn das junge Volk sein Unwesen treibt.“
Erna schließt das Küchenfenster. Zieht den Vorhang zu. Stille. Patrick traut sich kaum zu atmen. Kommt langsam zu sich. Will gehen. Sich verkriechen. Keinen Ärger. Das euphorische Gefühl von vorhin ist verflogen. Er ist der Unterlegene. Er dreht sich um. Genau in diesem Augenblick hört er ein Knarzen. Er blickt zurück und sieht, dass sich die Hintertür direkt neben dem Küchenfenster einen Spalt geöffnet hat. Atmen. Ausschalten. Zusammenreißen. Patrick geht auf die Tür zu.
„Wir bekommen Besuch, mein kleiner Admiral.“ Patrick hört, dass wieder etwas zu Boden fällt. Dann ein Knacken und Picken.
asozial.
Ihr seid Paria. Die Außenseiter und Einzelgänger in unserer Welt. Ausgestoßen aus einer sozialen Gemeinschaft, in der ihr zwar geduldet aber aufgrund eures devianten Verhaltens keinen Anschluss findet. Oft sind es äußere Umstände, die euch unsozial werden lassen. Aber wenn eine Gruppe demokratisch entscheidet, dass ihr nicht dazu gehört, weil ihr nicht normal seid, dann habt ihr Pech gehabt. Ihr Individualisten fühlt euch wohl als was Besseres. Ihr seid unsympathisch und wollt euch auch gar nicht integrieren. Fühlt euch in eurem Nonkonformismus wohl und lebt eine Freiheit, die nur möglich ist, weil ihr Grenzen überschreitet, die die Masse niemals wagen würde zu überschreiten, weil man sich nun mal auf den anderen einlässt. So funktioniert doch Gemeinschaft. Aber dann rumheulen, dass ihr nicht Teil dessen seid! Eure exklusiven Standpunkte sind nicht einzuordnen in unserem gleichgeschalteten Mainstream. Ihr seid der Abschaum am Rande eines hart erarbeiteten Gesamtgefüges. Ihr seid keine Revolutionäre. Ihr seid die Störenfriede. Wir werden euch missachten. Wir stoßen euch aus.
besuch.
Erna hatte in den letzten Jahren nur selten Besuch. Anneliese war immer mal wieder da. Auf einen Kaffee und ein lausiges Gespräch über Altersgebrechen. In ihrer Küche hält sich Erna am liebsten auf. Die enge Treppe nach oben in ihr Schlafzimmer kann sie noch gut gehen. Wenn das nicht mehr möglich sein sollte, wird sie ihr Bett in das Esszimmer unten neben der Küche stellen. Das Klo ist ebenfalls im Erdgeschoss. Mehr braucht sie nicht.
Patrick kann an einer Hand abzählen, wie oft er bei anderen Leuten zu Hause war. Seiner Neugier tut das heute keinen Abbruch. Trotz der verbalen Attacke der alten Frau nimmt er die geöffnete Hintertür als Einladung an. Er zögert kurz an der Türschwelle, dann tritt er ein und steht mitten in der kleinen Küche.
Das Licht ist nicht sonderlich hell. Mehr ein gelblich milchiger Schein, der von der Neonröhre an der Küchenzeile in den Raum fällt. Vor ihm der Tisch. Zwei Stühle. Doch wo ist die Frau? Ihm wird mulmig zumute.
„Also noch mal, wie heißt du, Junge? Ich suche nur… Ah, da ist sie ja.“
Erna tritt mit einer Tasse in der Hand aus dem Nebenzimmer. Sie kommt Patrick kleiner und älter vor als draußen.
„Hier.“ Erna gießt ihm mit zittriger Hand Tee in die Tasse. „Kamillentee. Wie alt bist du?“ Patrick überfordert diese Offenheit. Blickt verschämt vor sich hin.
„Kannst du nicht sprechen? Angst vor ner alten, schrulligen Frau. Ich will nur wissen, warum du mir hinterhergeschlichen bist.“
Erna schüttelt ihren Kopf.
„Nichts zu machen, mein kleiner Admiral. Der Junge will nicht sprechen.“ Sie greift in ihre Hosentasche. Holt eine Handvoll Kürbiskerne heraus und wirft sie auf den Fußboden. Patrick runzelt die Stirn.
„Setz dich wenigstens. Ich habe auch was zu knabbern. Hab in einem Abfalleimer ne abgelaufene Packung Salzstangen gefunden. Vielleicht schmecken die noch.“
Erna fühlt sich lebendig als Gastgeberin. Ein unbekanntes, aber schönes Gefühl. Erna legt die Packung Salzstangen auf den Tisch und setzt sich Patrick, der nun doch Platz genommen hat, gegenüber. Sein Mund ist trocken. Der Tee dampft verlockend. Patrick nimmt seinen Mut zusammen.
„Ich heiße Patrick Zwerg.“
„Hört, Hört. Mein kleiner Admiral, der Junge kann also doch sprechen. Mein Name ist Erna Petrowski. Freut mich Herr Zwerg.“
„Sie haben mein Kingdom betreten“, platzt es aus Patrick heraus. „Mein Geheimnis entdeckt. Mir die Magie, meinen Rückzug und Schutz vor der Welt genommen. Ich wollte wissen, warum mich das stört und verletzt. Ich aber nicht wirklich wütend auf Sie sein kann. Wissen, wer Sie sind und warum ich, seit Sie am Montag das erste Mal am Gärtnerplatz aufgetaucht sind…“
Patrick bricht ab. Er wollte gar nicht so viel sagen. Seine blassen Wangen färben sich rot.
„Ha! Ich wusste, der Junge ist kess, mein kleiner Admiral.“ Erna greift wieder in ihre Hosentasche, kramt ein paar Kürbiskerne hervor, die sie auf den Fußboden wirft. Patrick wartet. Es passiert aber nichts. Sie erhebt sich langsam von ihrem Stuhl. Ihre Kochen knacken. Patrick muss an Knäckebrot denken.
„Du denkst gerade an Knäckebrot. Oder?“
Patrick reißt die Augen auf schaut sie erstaunt an.
„Ich denke selbst immer daran, wenn ich mit meinen alten Knochen versuche vom Tisch aufzustehen.“ Sie wackelt zur Spüle und füllt Leitungswasser in eine Schale.
„Ich habe an Knäckebrot gedacht, ja.“ Verwundert blickt Patrick vor sich auf die Teetasse und die Salzstangen.
„Ich denke, ich will lieber nach Hause. Entschuldigung, wenn ich Sie belästigt habe.“
„Und mir tut es leid, dass ich unerlaubt in dein Reich, oder wie sagst du, dein Kingdom eingetreten bin. Aber weißt du, Herr Zwerg, ich verbinde mit dem Gärtnerplatz auch sehr persönliche Erinnerungen und wollte dem nachgehen, weil…“
Jetzt stoppt Erna. Wie kann es sein, dass sie sich einem halbwüchsigen Kind so öffnen möchte?
„Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir zusammengefunden haben Herr Zwerg,“ fährt sie fort. Patrick nickt zögerlich. Ihre Blicke treffen sich. Halten für einen kurzen Augenblick den Kontakt.
Plötzlich nimmt Patrick unter einem der Küchenschränke eine Bewegung wahr. Ehe er sich versieht, stolziert ein kleiner Vogel, ein Wellensittich, geradewegs in die Mitte der Küche, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Bleibt abrupt stehen, dreht sich soldatisch zur Seite, es fehlt nur noch, dass er salutiert, und pickt genussvoll und mit einem lauten Knacken die Kürbiskerne vom Küchenboden auf.
„Ah da sind Sie ja, Herr Admiral. Zeigen sich der Herr nun auch mal unserm Gast.“ Patricks Blick fällt auf Erna, die ihn aus ihrem faltigen Gesicht liebevoll anlächelt.
„Herr Zwerg, darf ich vorstellen, der kleine Admiral. Herr Admiral. Das ist Herr Zwerg.“
Der Wellensittich richtet seinen Kopf auf, blickt Patrick misstrauisch an und schreitet mit breiter Brust auf ihn zu. Sein Federkleid ist blauweiß, mit einem roten Klecks oben auf seinem Kopf. Der kleine Admiral bleibt direkt vor seinem Fuß stehen.
„Du musst ihn auf deine Finger nehmen und oben auf dem Tisch absetzen. Sonst bleibt er ewig vor dir stehen. Er hat Ausdauer und eine eiserne Disziplin.“ Patrick blickt auf den kleinen Vogel, der ihn fast schon empört anstarrt.
„Warum fliegt er nicht?“ Er beugt sich herunter, und streckt seinen Zeigefinger aus, auf den der Wellensittich mit einem gekonnten Sprung hüpft.
„Er hat sich den Flügel gebrochen. Nachdem er flügge wurde, ist er aus dem Nest gefallen. Als er unten auf dem Boden aufgeschlagen ist, hat er sich kurz geschüttelt und ist einfach losgelaufen. Und seitdem marschiert er überall hin. Eines Tages klopfte er an meine Tür. Ich öffnete sie und er stolzierte, mich kurz abschätzig musternd, in meine Küche. Seitdem lebt er hier.“
Patrick setzt den Vogel auf dem Küchentisch ab. Der Wellensittich beugt sich über die kleine Schale mit Wasser. Gierige Schlucke. Ein kurzes Aufplustern. Dann schreitet er weiter Richtung Erna, die ihn sanft auf ihre Schulter setzt. Von da aus fixiert der Vogel wieder Patrick. Der Glaube an Magie und Zauber wohnt dieser ganzen Sache schon seit Anfang an bei. Warum also nicht einfach die Vorstellung zulassen, dass ein Wellensittich selbstbestimmt durchs Leben schreitet.
„Frau Petrowski.“
„Sag ruhig Erna.“ Patrick lächelt. Ohne rot zu werden.
„Ich warte darauf, aufzuwachen.“
„Es ist in unserer Welt kaum noch möglich, Märchen zu erleben. Immer muss alles logisch und nachvollziehbar sein. Alles entdeckt und erklärt und sofort veröffentlicht werden. Aber einfach nur die Dinge sein zu lassen, wie sie sind, ohne eine Bewertung, das gelingt immer weniger. Unsere Welt ist schwarz und verdorben. Sie stinkt nach falscher Wahrheit.“
Erna fühlt sich plötzlich sehr müde und ein Blick auf ihre Küchenuhr zeigt Patrick, dass es schon spät ist.
„Ich muss jetzt los. Meine Eltern warten.“ Lügt er. Patrick spricht nicht weiter, denn Erna ist auf ihrem Stuhl eingeschlafen. Tiefes Ein- und Ausatmen. Auch der kleine Admiral scheint zu schlafen. Seine Augen sind bis auf zwei kleine Schlitze geschlossen. Beobachtest du mich also auch im Schlaf, denkt Patrick, während er die Tür hinter sich zu zieht und wieder draußen im Garten steht. Es ist kalt. Und sternenklar. Mit einem unbestimmten, aber warmen Gefühl im Bauch macht er sich auf den Weg nach Hause. Morgen kommt er wieder.
fliegen.
Er schreckt auf. Orientierungslos. Knipst das Licht an. Betastet sein Gesicht. Bedeckt mit kaltem Schweiß. Will aufstehen. Spürt jeden Muskel. Völlige Zerschlagenheit. Reißt sich zusammen. Streckt sich. Es knackt. Er denkt an Knäckebrot. Knäckebrot? Hungrig geht er in die Küche. An dem Schlafzimmer seiner Eltern vorbei. Die Mutter liegt noch im Bett, schnarcht. Der Vater sitzt im Wohnzimmer vor der Glotze, raucht. Patrick geht weiter. Steht in der Küche. Findet kein Knäckebrot. Die Eltern haben also nicht eingekauft. Patrick geht zum Kühlschrank. Holt eine Milchpackung heraus. Er nimmt einen kräftigen Schluck. Würgt. Spuckt aus. Scheiße. Ernüchternd setzt er sich an den Tisch. Es surrt in seinem Kopf. Sein Magen flau.
Aufkommende Nervosität. Er will aufstehen. Der Vater kommt in die Küche geschlurft.
„Morgen Sohn. Ich geh später einkaufen. Hab’s einfach nicht geschafft, zu viel, du weißt schon…“ Er gießt sich eine Tasse Kaffee ein, zündet sich eine neue Zigarette an. „Wann bist du gestern heimgekommen, hab es nicht mitbekommen.“
Patrick schweigt, denkt an Erna und lügt.
„Nach der Schule war ich noch mit Freunden unterwegs und bin später dann gleich in mein Zimmer, Schulaufgaben und lernen, heute Mathearbeit.“
„Ach, du und deine Schule. Bringt doch eh nichts, schau mich an, wo ich gelandet bin oder deine Mutter. Scheiß Schule.“
Und damit schlurft der Vater auch schon wieder weg.
Patricks Kopf fängt an zu rattern. Der gestrige Tag katapultiert sich mit einer so großen Gewalt in seine Erinnerung, dass es Patrick am ganzen Körper durchzuckt. Er muss wieder zu ihr. Patrick spürt eine freudige Unruhe. Ein Flirren vor seinen Augen.
Der Weg erscheint ihm heute kürzer als gestern Nacht. Heute hat er Flügel und wird von einer unbändigen Euphorie durch die Luft getragen. Landet. Und steht wieder vor Ernas Haus.
Das auch am Tag einer verfallenen Bruchbude gleicht. Es ist das einzige Haus hier im Viertel in einem so desolaten Zustand.
Patrick blickt auf seine Uhr. Ob sie schon wach ist? Ob sie zu Hause ist? Du wirst es nur herausfinden, wenn du zu ihr gehst. Trau dich. Der verwilderte Garten hat etwas Märchenhaftes. Überhaupt muss er bei den dichten Efeuranken, die das Haus umwickelt haben, an Dornröschen denken.
Die hintere Tür ist vom Efeu freigelegt. Der Vorhang am Küchenfenster zugezogen. Also ist sie noch nicht wach. Er zögert. Und stutzt, denn die Tür steht einen Spalt breit offen. Hatte er sie gestern Nacht nicht geschlossen? Patrick spürt seinen Puls im Hals.
„Frau Petrowski? Erna? Bist du zu Hause? Deine Tür…, darf ich reinkommen?“
Patrick lauscht einen Augenblick. Dann öffnet er die Tür.
Erna liegt auf dem Boden. Direkt neben dem Küchentisch. Ihr kleiner Körper steckt noch immer in der Kleidung von gestern.
Vor Ernas Kopf marschiert der kleine Admiral auf und ab. Als er Patrick bemerkt, bleibt der stolze Vogel stehen und blickt ihn an. Dann schaut er auf Erna. Und schreitet wieder los.
Wach auf. Es ist noch nicht zu Ende.