TEIL 1

FREMDE.

Jetzt.

Abschnitt A

und sie hat es satt. einmal im Jahr trifft sie sich mit ihren Girls aus der Schulzeit in der Innenstadt. Die ja eigentlich ganz schick ist. mit ihrem großen Markplatz und dem hübsch verzierten Brunnen. an dem sie als Kind schon gespielt hat. als sie mit ihren Eltern noch in der Innenstadt gewohnt hat, bevor die Familie dann an den Stadtrand, in die etwas gehobenerer Wohngegend, dieser kleinen schmucken Stadt, die irgendwo im Westen Deutschlands liegt, gezogen ist.

Weil Papas Erfolg als Anwalt die Grenzen des bewohnbaren Wohnraums sprengte und ein Einfamilienhaus, mit Blick auf den Fluss, schon sein musste und sie jetzt nur noch zur Kanzlei in die Innenstadt fährt, wenn sie in den Semesterferien nach Hause kommt oder halt in der kalten Jahreszeit mit ihren Girls.

Also eigentlich ne ganz schicke Innenstadt, wie gesagt. Wenn da diese hässlichen Boller oder Poller oder wie sie findet einfach nur Beton Klötze mit Ritterburg Mauer Zacken Muster nicht wären.

Und so sehr sich die Stadt bemüht, diese Ungetüme zu verschönern, stechen die einfach fett, negativ störend, ästhetisch der letzte Scheiß und wie man sieht und hört und liest, schützen sie dann am Ende, wenn man es drauf anlegt und das tun die TERROS immer, muss man eigentlich wissen, doch auch gar nicht. Also die fallen ihr echt hart STÖREND ins Auge.

Das Symbol. Ein Kainsmal, denkt sie sich. Das uns an die ANDEREN erinnern soll, die gezielt mit unserer Christlichen Tradition spielen und diese, unsere christliche, geistliche geprägte Welt, mit vollem Bewusstsein für ihre Zwecke Instrumentalisieren.

also noch mal.

eigentlich lässt sie sich mit ihren Girls aus der Schulzeit einmal im Jahr, wenn dann alle aus ihren Unis in die kleine Stadt zu ihren Eltern nach Hause kommen, hier volllaufen, vorne bei Müllers Glühwein Stand, den es schon ewig gibt und auch wenn sie zu 90 % Veganetarisch isst, ne Wurst von Hubers gegenüber, den es auch schon ewig gibt, geht auch noch dazu, um mit dem Fleischfett die Dusseligkeit vom Alc. zu tilgen…

also eigentlich tratschen sie dann, über die neusten Schwachsinns Videos auf Insta und Tik Tok und Beauty und Typen und das Fitti sind natürlich auch Thema.

also einmal im Jahr einfach mal fünf gerade sein lassen, einfach mal Oberfläche und stupides vor sich hin labern, bevor es dann wieder in den Uni-Lernstress-REF-Wahnsinn und die Erfolgsspur zurück geht. Ablenkung vom Alltag, von der puren Stresslust, so gut zu werden wie Papa, nicht Mama weil die ja in der Küche steht, freiwillig, aber nichts für sie, weil sie ist ja das Papa Kind, schon immer und deshalb ist es klar, dass sie eines Tages in seine Fußstapfen tritt, sein Imperium übernimmt, seinen Chef Sessel zum Chef+innen Sessel macht. Logisch, Gendern ist weibliche Ehrensache, sie ist eine moderne junge Frau, auch wenn sie für Tradition und die Werte Charta ihrer Familie steht, ganz klar!

Und weil ihre, in der Stadt alteingesessene Familie, ihre Macht Position schon so lange innehat und auch behalten soll, gerne auf Ewig, war klar, dass sie das gleiche studiert wie der Papa, und es ist auch klar, dass der Tag X kommen wird und Papa dann abtritt, in den vorderen Hintergrund, nicht das er ihr auf die Finger schauen will, aber doch bitte immer noch über die Schultern.

Und also, sie weiß, dass sie das kann und ihre Girls, die alle aus ganz ähnlichen Verhältnissen kommen, wo, man darf es kaum laut sagen, aber rausschreien ist ok, Geld mal so fucking keine Rolle spielt, wissen das auch. Und das muss gefeiert werden, das erfolgreiche Leben.

Und genau da grätschen DIE mit ihren SUVs und LKWs rein und ruinieren nicht nur Menschen Körper, verstümmeln sie, bestrafen die friedlichen Deutschen gar mit dem Tod, sondern eben auch den Glühweinstand von Müller und der Huber kann weniger Wurst verkaufen.

Und sie und ihre Girls gehen dann eben als Konsequenz wegen dieser Menschen, die verrückt sind und eigentlich hier auch gar nix mehr zu suchen haben, weil sie schon vor Jahren als Gefährder eingestuft, aber dann anscheinend vergessen wurden und sich im stillen Kämmerlein immer weiter radikalisieren durften, weil in Deutschland ist ja jeder willkommen, dann geht sie und ihre Girls, eben da NICHT mehr hin, in die eigentlich ganz schicke Innenstadt, also auf den Christlichen Markt, den sie statt der Kirche immer gern besucht hat, auch als Kind und Jugendliche schon.

Und da der Tag X kommen wird, an dem sie Papas Imperium übernehmen darf oder kann oder will, weil sie mit dem Referendariat fast durch ist, das zweite Staatsexamen fast geschafft hat, will sie sich das: einmal im Jahr sechs gerade sein lassen, nicht entgehen lassen

und von Kanzlei, kann oder darf übernehmen ist keine Rede, denn es ist klar, dass sie das machen wird, das was alle Erstgeborenen in ihrer Familie gemacht haben, egal ob Mann oder Frau und das nennt sie Fortschritt, noch weit bevor die Gesellschaft und die Medien dieses Weinstein, Mee-Too und Gleichberechtigung, Emanzipationsgedöns und diesen ganzen Schmu auf den Plan gebracht haben und man immer weniger von dem sagen darf, kann, soll, muss, was Oma und Opa noch völlig ohne Hintergedanken sagen durften, ohne gleich einen Medien Skandal vom Zaun zu brechen, DENKT sie sich.

Und SPRICHT ihr Papa laut aus, der sie gerade mit ihrem Neuen, als ein super großartiges Papi Luxus Geschenk zum heiligen Fest, also mit ihrem neuen Tesla SUV Modell X, aus dem Hause Elon, ganz frisch aus Brandenburg eingeliefert und vor der Haustür abgestellt, von dem Treffen mit ihren Girls abholt.

Und na klar fährt Mann/Frau der Umwelt zuliebe ein Auto, von dem genialen Mann erschaffen, der bald den Mond und danach den Mars bewohnen wird.

Und also der Papa sie mit dem Tesla SUV Modell X abholt und nach Hause fährt, weil mit den Girls zwar die Innenstadt tabu geworden ist aber dann halt das einzig gehobene Restaurant am Schlossplatz als Ersatz herhalten muss, ein Italiener, Papas bester Freund, wenn es ums Essen geht, sieht man seinem Stahlhart durchtrainierten Mitte Ende 60-jährigen Körper nicht an, aber er isst da jede Woche.

Und also der Italiener der ihrem Standard und den der Girls entspricht und sie sich eben dort das eine Mal im Jahr, also dieses Jahr,

dem ANDEREN, dem FREMDEN, der die Poller ignoriert hat und Menschenfetzten auf dem Boden hat liegen lassen sei Dank,

haben volllaufen lassen, mit dem teuersten unter den teuersten Weinen, auf der kleinen exquisiten Karte, wenn schon denn schon, mit der Kreditkarte von Papa, danke Paps!

Und ihr guter alter Papa, der gerade wieder einen seiner Monologe auspackt, denen sie immer zustimmt, gestimmt hat, weil es auch ihre Meinung ist und war, denn dumm ist sie nicht, wie kann sie das auch sein, nach so einem krass guten ersten Staatsexamen und das zweite wird noch besser, krasser, höher, weiter.

“Und wir stehen gut da“, sagt nun ihr Vater, Papa, Papi, sie liebt ihn, er lenkt den TESLA SUV Modell X, der jetzt ihrer ist, mit dem sie morgen wieder zum Studieren fährt,

“aber das ist ein Zustand der immer wieder neu gefestigt und gesichert werden muss“, fährt ihr Vorbild monologisch fort. “Niemals, nie auf dem Erfolg ausruhen. Immer dranbleiben, die Challenges gezielt suchen, nur die Fälle übernehmen die Erfolgversprechend sind und dann Gewinnen. Denn ich bin ein Gewinner und will das meine Lieblingstochter auch einer wird.“

Und er grinst das typische ELON-Grinsen, dass er sich zu Eigen gemacht hat, da er ganz unverhohlen zugibt, einer der größten ELON-Fans zu sein den es auf dem Planeten Erde gibt.

“Nimm dir ein Vorbild an ihm, nicht an mir, seinen Einfluss, den er sich hart erarbeitet hat und den Wohlstand, den er auch für uns Deutsche bedroht sieht, wenn unsere deutschen Volksvertreter weiterhin unser Land mit ihrer Politik an die Wand fahren.“

Und weshalb er es auch nur mutig und richtig von Elon findet, dass Elon die einzige Partei in unserem Land unterstützt, die die Wirklichkeit erkannt hat und zum positiven verändern möchte.  

Und sie nickt und stimmt mit betrunkenen Herzen zu, aus Überzeugung, auch im nüchternen Zustand, weil sie eine junge politisch denkende Frau ist.

Und auch nicht nur weil Papa das sagt, denn sie hat in ihrem Nebenjob, in der eng befreundet Kanzlei, in der sie sich schon mal an den Alltag im Beruf gewöhnen soll, kann, darf, muss schon so krasse Erfahrungen mit den ANDEREN, die zu uns gekommen sind und immer weiter kommen, gemacht, obwohl sie Objektiv natürlich jeden gleich betrachtet, behandelt und für jeden dasselbe Urteil fällen würde, egal welcher Herkunft und welchen Aussehen und welcher Sprache, aber wenn die sich nicht an unsere Regeln halten, dann braucht sie die Bestätigung ihres alten Herren gewiss nicht, denn sie ist eine selbständige, erfolgsdurstige Frau, so durstig wie ihr Papa,

und das hat sie heute auf der Weinkarte und der Kreditkarte mal so allen beim Italiener da gezeigt.

Und genau dieser Erfolg, dieser von ihren Vorfahren und deren Vorfahren aufgebaute Erfolg, der Name, ihr Name, der Familienname, der auf der goldenen Platte vorne auf der Sandsteinmauer des prunkvollen Altbaus, in dem sich die Familienkanzlei seit fast 150 Jahren um DAS RECHT UND DIE ORDNUNG der Deutschen und auch aller anderen Bürger kümmert, ist in Gefahr, wenn jetzt immer mehr zu uns kommen und sie sieht es ja täglich an den Fällen, die in der befreundeten Kanzlei eintrudeln, Kriminelle nur Kriminelle hört sie da die Mitarbeiter und sich selber sagen.

Und sie, die FREMDEN, es jetzt endlich, also ihr und den Girls, es versauen, einmal im Jahr einfach nur Müllers Glühwein zu trinken und ne Wurst zu essen bei Hubers.

und da piepst ihre Smartwatch, eine neue Nachricht auf X in der Gruppe IHR MÜSST GEHEN, die sie sofort liked und mit, Ja, Lol, beantwortet.

Und ja klar ist sie dabei, wenn ihre Chat-Friends an Ostern nach Sylt fahren. Sylt ist geil. Fast schon weg, also ABGESOFFEN oder überschwemmt,

Und naja solang da keine Menschen angeschwemmt werden, wie im Mittelmeer, letztes Jahr an der Cota Zur, an dem Privatstrand ihres Ferien Familien Domizils, was ein krasser Schock damals, diese Flüchtlinge, schon krass,

und also diese deutsche Insel in der Nordsee, ist ja fast schon weg oder wird, kann man sagen, immer weniger. dem Klima sei Dank.

Und also diese Insel ist was Besonderes. Exklusives!!

und da will sie nicht fehlen.

Und Christliche Feste feiert man besten eh nicht mehr in Innenstädten.

Und also klar SYLT kann sich auf sie freuen, denn dann ist das Examen rum und der Tag X kann kommen.

Aber auf Sylt dann noch mal alle viere gerade sein lasse.

Man ist sie besoffen, hoffentlich merkt Papa nix.

Aber der lenkt den ELON VAN und ist glücklich, trotz der ANDEREN, die das Fest fast versaut haben. 

Abschnitt f

kommst du mit?

Ne.

Schade. Warum?

Macht kein Spaß.

Seit wann?

Immer schon.

ok. krass. wusste ich nicht.

Ja.

dann suchen wir uns nen anderes Geschwister Ding. Oder?

Weiß nicht Boris. Erst mal nicht.

Du bist so düster Maik. Was bedrückt dich?

lass das, Großer, Kleiner Bruder gequatschte. alles gut. will nur ruhe und mein Ding machen

Hast du Abi Stress?

 —- Stille—

Komm doch mit, die Jungs freuen sich und es lenkt dich vom Abi ab.

— Stille—

Ihr seid mir zu unpolitisch. Ganz ehrlich.

—- Stille—

Außerdem. Diese Treffen sind mir zu einfach. Nur Oberfläche. Ihr versteckt es unter einem lockeren Spaß-Spiele Abend, aber ich sage dazu Zocken, Kiffen, Saufen. Ernsthaft, Boris? Das habe ich vor drei Jahren gemacht. und du bist älter als ich.

— Stille—

was sagen Mama und Papa zu deinem pubertären Nachbeben-Leben, he?

Ey, nur weil ich kein Abi habe, sondern in der Zeit, in der du auf lernen geschissen und Party gemacht hast, ich schon täglich gearbeitet und nen Handwerk gelernt habe, um damit meine Kohle zu verdienen und es dir egal sein kann, was ich in meiner Freizeit mache und du, bevor du dich mit dem BART angefangen hast zu treffen, immer gerne mitgekommen bist, musst du dich nicht als was Besseres fühlen. denkst dir wohl das du so richtig toll bist was? ABI, politisch aktiv sein. Bist nen Intellektueller Spießer geworden.

— Stille —

Laber nicht rum und mach dich doch los zu deinem Spiele Spaß. Mama kommt gleich vom Schichtdienst. Papa ist noch draußen in der Werkstatt. Geh zu deinen Jungs und lass mich hier in Ruhe meine Musik hören, ja?

Was hörst du dir denn an? He? Ne Kassette? Krass, wo haste die denn her? Und der Kassetten Player? ist der von Papa, oder?

ist egal. er hat ihn mir geschenkt.

lass mal hören.

Nein.

komm schon mein düsterer, geheimnisvoller kleiner Bruder.

Boris lächelt. Maik liebt seinen großen Bruder. Beide wohl behütet aufgewachsen, IN EINEM VÖLLLIG NORMALEN UMFELD MIT VÖLLIG NORMALEN MITTELSTANDSELTERN.

Leider aber auch total unpolitisch. Also nicht nur sein Bruder auch Mama und Papa und das nervt ihn immer mehr. weil er glaubt, dass man gerade jetzt, in diesen DUNKLEN ZEITEN, eine politische Meinung haben muss und die kann nicht angenehm grün, haben wir schon immer gewählt, wir retten das Klima oder Mitte linksversifft, intellektuell sein… ganz gewiss nicht. und als ihm gestern, Bart diese Kassette aus den frühen 90ern, wie ein heiliges Relikt, aus einer besseren Zeit, in die Hand legt, den stolzen deutschen Gruß folgen lässt und sich über seine 2mm, den Schweiß von seinem Schädel abstreicht, ist Maik nur noch damit beschäftigt sich diesen geilen, alten, kranken, in den 90er Jahren verbotenen Scheiß reinzuziehen. Jede Liedzeile brennt sich in sein Hirn. Und sein Bruder steht immer noch vor ihm und glotzt. 

Boris, bitte, lass gut sein. geh.

Der schaut wie ein begossener Pudel. zuckt mit den Schultern. Geht.

So ein Opfer. Checkt mal gar nichts, sein Bruder.

Als Boris raus ist, aus dem Zimmer, dem Haus. er seinen Vater nebenan in der Werkstatt noch arbeiten hört und weiß das Mama erst in ca. 20 min zu Hause ist, er schon das essen gekocht, heute ist er dran, und sein Zimmer geputzt, einmal die Woche und auf sein Abi geschissen hat, dreht er die Stereo voll auf holt seinen Briefwahlzettel aus der Tasche und setzt, unter blechernen Getöse aus den Boxen und grölender Skinhead Stimme, sein Kreuz an der rechten Stelle, bei der Partei die sich darauf versteht WIRTSCHAFTLICH LIBERAL, MIGRATIONSPOLITISCH RADIKAL, und mit den Tech- Milliardären und einflussreichen Politiker*innen GLOBAL zu vernetzten und zeitgleich SICHERHEIT, SCHUTZ und WACHSTUM den EIGENEN Leuten, NICHT DEN FREMDEN, verspricht, antwortet im Anschluss an sein Kreuz, dem nur noch die Haken fehlen, im Chat auf X in der Gruppe IHR MÜSST GEHEN auf die Frage ob er Ostern mit nach Sylt kommt, mit: ja klar bin dabei. Smiley.

Das ist dann genau die richtige Ablenkung während dem Abi.

Und Bart schreibt das er auch mitkommt. fett!

Das wir mega!

lol!

Abschnitt D

Er geht durch die Straßen. Etwas ist anders. Er weiß nur nicht was. Ist er es oder sind es die Menschen, die um ihn herumschleichen? ist es das Schleichen? Schleicht er auch wie die anderen, mit geduckten Köpfen, hängenden Schultern?

Er schleicht, doch hetzt er nicht auch? Hetzt er nicht gegen die anderen Menschen, die schleichen? warum schleicht er geduckt durch die Straßen dieser Stadt mit den hohen Häusern und Wänden, beschmierte Wände, Putz bröckelt von diesen Wänden der Häuser, in denen er nicht lebt, weil er nicht weiß, wie er die Miete zahlen soll.

Die Fenster sind alle beleuchtet, also scheinen doch viele Menschen zu wissen wie sie die Miete bezahlen können, warum kann er die Miete der Wohnungen hinter den bröckelnden Fassaden nicht bezahlen, obwohl er vierzig Stunden in der Woche arbeitet und seinen jungen Körper zerschlägt, so zerschlägt wie die Körper seines Vaters und dessen Vater nach vierzig Jahren harter Arbeit und er jetzt geduckt und schleichend durch die Straßen dieser Stadt läuft, nicht nach links und rechts schaut, nicht zuhört, nicht hinsieht, seine Scheuklappen unten hat, seine AirPods in den Ohren, um sich die neuste KI erstellte Playlist auf Spotify durch seinen Hörkanal schießen zu lassen, mit den Liedern, Podcasts und Newsflashs auf TIC TOC und INSTAGRAM in denen er immer öfter die Worte hört:

„Angst, Raus, Ungerecht, steh auf, lass dir nicht alles gefallen, lass dir dein Leben nicht wegnehmen, du hast mehr verdient als DIE, DIE sollen alle weg, denn sie leisten nichts hier in dem Land, das deine Großeltern nach 45 wiederaufgebaut haben, nachdem wir angegriffen und unser schönes Land von den Anderen zerstört wurde, obwohl wir zu recht Anspruch auf das was UNS gehört genommen haben und der Führer, ja ER, den einzig wahren Weg, uns gut erzogenen Deutschen aufgezeigt hat und deshalb wollen wir jetzt die Grenzen wieder zu haben, damit die ANDEREN uns das was unsere Großeltern geschaffen haben, nicht vollends wegnehmen und zerstören. Denn der Zersetzungsprozess hat ja schon begonnen, also von daher: RAUS, RAUS, RAUS, die ihr unseren Eltern den Job und sozialen Status geklaut habt, unsere Frauen und Mädchen belästigt und euch mit Messern und Pistolen bis unter die Zähne bewaffnet, auf Weihnachtsmärkten in die Luft sprengt und das wird man in Anbetracht dieser ausweglosen Situation, die doch jeder sehen muss, noch sagen dürfen: Deutschland den Deutschen, Ausländer raus, denn wir wissen noch was Recht, Disziplin und Ordnung bedeutet. Wir leben hier UNSERE Werte, die IHR nicht lernen und leben wollt, denn IHR wollt EUER Leben aus dem IHR geflohen seid UNS aufzwingen und am besten, UNS auslöschen damit…

Sein Körper wird von diesen Worten und Texten elektrisiert. Auch wenn es sich immer ein wenig falsch anfühlt das zu denken, was er da hört, rührt sich etwas in seinem Innern. Gibt ihm ein Gefühl von: da ist doch was dran…

Im dem Chatverlauf der Gruppe IHR MÜSST GEHEN auf X, sieht er immer wieder die unterschiedlichsten Profile. Er selbst ist Maurerlehrling, aber Sissy21 studiert Geisteswissenschaft, oder MAIKthewhiteSkin der gerade sein Abi macht und danach Politik studieren und in die Medien gehen will, BenZuckerLOL ist Assistenzarzt in der Uniklinik. Dessen Kumpel HannoB ist gerade Kitsurfen in Ägypten und AnnaTORPEDO steht vor ihrem zweiten Staatsexamen.

Sollte es also nicht nur ihm so gehen, wie es das Klischee so gerne hätte? Der Maurer ohne Sinn und Verstand. Dumm wie Brot und keine Ahnung von Gesellschaft und Politik?

Aber trotzdem traut er sich nicht mit den anderen im Chat zu kommunizieren.

Die Einladung über Ostern nach Sylt mitzukommen, ignorieret er.

Erstmal.

Noch.

Weil er unsicher ist.

Weil er Angst hat.

Vor Ablehnung…

Vorwurfsvollen Kommentaren…

Stopp! Stopp! Stopp!

…fühlst du dich allein und unverstanden?

Hast du Fragen, auf die du keine Antwort findest?

Bist du auf der Suche nach Anschluss?

Schaust du dich um und verstehst die Welt nicht mehr?

Siehst du deine Eltern schuften und rackern und trotzdem reicht es am Ende des Monats nicht für eine Besuch auf dem Rummel? Die Markenklamotten?

Oder den Eltern, denen der wohlverdiente Wohlstand genommen wird. Man am Eigentum und Erbe rüttelt und sie die ständige Rücksichtnahme auf andere, an ihren Nerven zehren lässt? Die Hilfsbereit waren, aber aus Verdruss, dass sich nichts ändert, ihre Freizeit nicht mehr für die Hilfsbedürftigen zu opfern bereit sind.

Oder die von Alkohol vernebelten Schläge deines Vaters, die blauen Flecken und blutunterlaufenden Augen deiner Mutter, das kränkliche und aschfahle Gesicht deiner Schwester?

Schämst du dich deiner Selbst?

Schämst du dich für deine Eltern? Deine Schwester? Wohin mit dir und deinen Gedanken?! Wohin mit dir und deinem Körper?!

Schluss damit Junge!

Wir versprechen dir auf dich aufzupassen!

Wir nehmen dich liebevoll in den Arm.

Wir geben dir eine Richtung vor, in die du gehen kannst.

Du kannst uns vertrauen.

Denn wir sehen die gleichen Probleme, die du siehst.

Wir stellen uns die gleichen Fragen, die du dir stellst.

Und wir wissen das es noch mehr junge Menschen gibt, denen es so geht wie dir.

Die hilflos, ziellos durch die Gegend ballern. Eine andere Meinung haben. Anschluss suchen, aber der Mainstream sie nicht aufnehmen möchte.

Und es ist egal aus welchem Milieu, welcher Schicht und Familiären Hintergrund sie kommen. Ob wohlhabend oder sozial prekäre. Studium oder Handwerkslehre. 

Welchen intellektuellen Bildungsstand sie mitbringen.

Das sind Begrifflichkeiten und Umstände, auf die wir keinen Wert legen. 

Wir machen keinen Unterschied.

Wir reichen dir, und allen die unzufrieden sind oder Angst um ihr eigenes Wohl haben, unsere Hand!

Mach dir keine Sorgen.

Sorgen müssen sich ab jetzt die machen, die rechtmäßig hier nicht hingehören!

Sorgen müssen sich ab jetzt die machen die über Jahre die falschen Entscheidungen getroffen haben.

Du sollst keine Angst mehr haben, obwohl alle um dich herum Angst haben und sie ihre Angst und ihre Not, ihre nachvollziehbare Not, auf dich und dein junges Leben übertragen.

Wie kann es sein, dass diese Menschen, die sich Politiker nennen, in ihren schicken Anzügen in Berlin und Brüssel, die den Arsch mit massenhaft Geld und Verantwortung vollgestopft bekommen, dann trotzdem die falschen Entscheidungen treffen, die deinen Eltern die Taschen nicht füllen, sondern leeren, die die Kühlschränke ungesund stinken lassen.

Du musst keine Angst haben Junge. Du bist ein Junge, du bist ein Mann und du kannst deine Situation verändern, wenn du möchtest, denn wir wollen dir helfen, deinen Eltern helfen, deiner kleinen Schwester einen bezahlbaren KITA-Platz besorgen.

Wir wollen die Anzugträger in Berlin und Brüssel von ihren hohen Rössern stürzen!

Du musst keine Angst mehr haben Junge, denn wir sind da, um auf dich aufzupassen und dafür zu sorgen das du als junger Menschen eine glänzende und gerechte Zukunft vor dir hast, in der du unter Gleichgesinnten dein Leben, das du verdient hast, leben darfst.

Und womit fangen wir an?

Teil 2

Wir springen in der Zeit zurück.

Mein Bericht über das Leben, in dem ich groß geworden bin, beginnt in den 90er Jahren. Im Nirgendwo, zwischen Kühen und endlosen Kornfeldern. In dem es kaum eine Alternative gibt als anzufangen RECHTS zu denken und sich zu radikalisieren. Weil ich dazu gehören will. Weil mein Umfeld, in dem ich aufwachse, spiele und in der Schule lerne, so spricht. In dem jeder fremde Geruch, jede andere Hautfarbe, jede andere Sprache mit Irritation und Abneigung quittiert wird.

Gewalt ist normal. Unter uns, zu Hause an dem Küchentisch, auf dem Schulhof, im Kindergarten. Unter uns Deutschen, aber auch unter den ANDEREN: Türken, Russlanddeutsche, Polen oder Nigerianer. Drogen werden verkauft und konsumiert. Und die Klischees der jeweiligen Gruppe, egal welcher, finden täglich ihre Bestätigung.

Wir fangen an uns zu wehren, weil unser Selbstverständnis ein anderes ist. Wir es nicht mehr ertragen können in den Nachrichten schon wieder zu hören das von DENEN eine Bank ausgeraubt, eine deutsche Frau im Park belästigt oder in der U-Bahn mit einem Messer um sich geschlagen wurde. “Das sind Kriminelle. Alle“, rufen sich die vom System enttäuschten Leute am Gartenzaun, im Büro oder auf der Baustelle zu, „Schaut einfach richtig hin und lasst euch nicht von dem Argument, „ja aber die Deutschen sind genauso kriminell“ blenden. NEIN!“

Wir schmieden Pläne, um zu zeigen das wir das Fremde ablehnen.

Schulen, Kindergärten und Sporthallen, die in Asylantenheime umgewandelt werden, zünden wir an und Köpfe die Schwarze Haare haben, große Nasen und braune Augen, werden zerschlagen.

Aber bin das ich? Feuer legen? Gesichter zerstören? Das Fremde hassen?

Ich suche nach mir selbst, meiner Identität. Eine Suche, die sich nur über die Anderen, das Bekannte, Freunde und Familie und Unbekannte, das Fremde ausdrückt. Und über den Schrecken, der durch unsere Worte und Taten verbreitet wird.

Wer bin ich und wer ist der, die, das Andere da gegenüber von mir? Warum traue ich mich nicht an das Fremde obwohl es tief in mir den Reiz gibt es zu berühren?

Denn immer, wenn ich dem Fremden gegenüberstehe und meine Faust in seinem Gesicht vergrabe, angefeuert von den rechten Jungs in meinem Rücken, empfinde ich neben dem Hass in mir, auch Mitleid und Scham. Quälende Gedanken und Gefühle.

Und wenn ich mich dann in der Nacht im Bett von Vorwürfen und Unsicherheiten geplagt, schlaflos hin und her wälze, und das Interesse an dem Fremden, an ihren Gesängen ihrer Haut und ihrer Sprache sich in mir entfaltet, dann fällt mir die Geschichte von SEKULA ein, die uns unser Geschichtslehrer, der Vollidiot, einmal zum Besten gab und mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will:

«Einmal, nach dem Krieg, traf Sekula (ein Montenegriner und Jugoslawe) einen türkischen Moslem. Beide waren auf dem Weg von Bijelo Polje nach Mojkovac. Sie hatten sich zuvor noch nie gesehen. Die Landstraße führte durch dicht bewaldetes Gebiet und war berüchtigt für Überfalle aus dem Hinterhalt. Der Moslem war froh, in Begleitung eines Montenegriners zu sein. Auch Sekula fühlte sich sicherer mit einem Türken, da zu befürchten war, dass sich türkische Partisanen in der Nähe befanden. Die beiden unterhielten sich freundlich und boten einander Zigaretten an. Der Moslem erwies sich als friedliebender Familienvater. Unterwegs durch die Wildnis kamen sich die Männer naher.» Sekula empfand keinerlei Ressentiments dem Moslem gegenüber. Er war für ihn wie jeder andere gewesen, mit dem einzigen Unterschied, dass er Türke war. Doch gerade diese Unfähigkeit, eine Abneigung zu spüren, weckte in Sekula ein Gefühl von Schuld.

Es war ein heißer Sommertag. Der Weg führte durch einen Wald An einem kleinen Fluss entlang die beiden Reisenden hatten es angenehm kühl. Als sie sich schließlich niedersetzten, um Gemeinsam etwas zu essen und sich auszuruhen, nahm Sekula seine Pistole heraus. Es war eine schöne Waffe, und er wollte ein bisschen damit prahlen. Der Moslem betrachtete sie anerkennend und wollte wissen, ob sie geladen sei. Sekula bejahte – und in diesem Moment kam ihm der Gedanke, dass er den Türken jetzt  

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einfach töten konnte, er musste nur seinen        Finger bewegen. Er richtete die Pistole auf den Moslem und zielte genau zwischen dessen Augen. Dann sagte er: <Ja, sie ist geladen, und ich könnte dich jetzt töten.> Der Moslem lachte und bat Sekula, die Pistole wegzudrehen, da sich ein Schuss lösen könnte. In diesem Augenblick wurde Sekula bewusst, dass er seinen Reisekumpan töten mußte. Wenn er den Türken am Leben ließe, würde er die Scham und die Schuld nicht ertragen können. Und so feuerte er, wie zufällig, zwischen die lächelnden Augen des Mannes.»

Als Sekula später darüber sprach, behauptete er, daß er in dem Augenblick, als er die Pistole im Spaß auf die Stirn des Moslems richtete, keine Tötungsabsichten gehabt habe. «Aber dann war es, als ob sein Finger von sich aus abdrückte. Etwas in ihm brach aus, etwas, womit er geboren worden war und was er nicht zurückhalten konnte.» Es muß der Moment gewesen sein, in dem sich Sekula dem Türken so nahe fühlte, daß sich die Scham seiner bemächtigte. So absurd es auch klingen mag: Er tat, was er tat, nicht aus Haß, sondern im Gegenteil: Er tötete, weil er diesen «Fremden» nicht hassen konnte. Dafür schämte er sich, dafür fühlte er sich schuldig. Denn die Freundlichkeit und das Gute, das er in sich selbst spürte, verwandelten sich in ein Gefühl der Schwäche. Und dieses Gefühl mußte er abtöten. Als er den anderen tötete, tötete er die Menschlichkeit in sich.

STOPP!

STOPP Junge!

Hör damit auf Junge!

Lass dich von vermeintlich studierten Geschichtslehren und ihren aufklärerischen psychologisch belehrenden Geschichten nicht in die Irre führen.

Was soll das sein, “Menschlichkeit in sich abtöten?“

“Mitleid, Scham, Quälenden Gedanken etwas Falsches zu denken?“

Stopp.

Ich hau dir auf die Finger JUNGE!

Diese Gedanken und Gefühle sind falsch und weich. Du bist ein Mann und deine Gedanken haben damit zu tun das deine Eltern dich nicht anpacken können, weil sie mit ihrem eignen Kram beschäftigt sind, ihrem Scherbenleben einen Sinn zu geben, es zusammenzukleben um sich dann Entstellt in dem zerschossenen Spiegel betrachten zu müssen.

Die dir keine Zukunft bieten und aufzeigen können, weil ihnen die Mittel fehlen. Die finanziellen Mittel, die emotionalen Mittel, die Lebensmittel und sie dir keine Führung, kein Vorbild sein und geben können, du es nicht gelernt hast die Dinge realistisch einzuordnen.

Unser Bildungssystem es nicht versteht euch, die Zukunft unseres Landes, Vernünftig an die Hand zu nehmen und Wissen richtig zu vermitteln.

Also Du, du Junge, Du!!

Ich also Ich, ich Junge, Ich!!

Ich??

Ich fühle mich allein und unsicher. Überfordert von der Reizüberflutung meiner Umwelt. Der Schnelligkeit, mit der sie mich einspinnt und den Atem nimmt.

Wie ein scheues Rehkitz tapse ich umher, das mit gebrochenen und schlecht verheilten Vorderläufen, dem Tode geweiht und von der Familie zurückgelassen, vor Angst flüchtet und versucht im dunklen Wald zu überleben.

Alleingelassen und einsam in meiner Scham, als stinkender, pubertärer, dem die Muskeln nicht wachsenden wollender und von dem sich die Mädchen abwenden, hilfloser, freundschaftsloser Junge.

Und da klammere ich mich an jede Form von Aufmerksamkeit und stelle ihre Inhalte, die sie vermitteln überhaupt nicht in Frage, solange sie mich in den Arm nimmt, diese Aufmerksamkeit als Mitläufer akzeptiert und wärmt.

Diese Aufmerksamkeit ist braun. Die Farbe, die den Parteien zugeordnet wird, die unsere Väter und Mütter wählen.

Und sie versprechen unseren Eltern, egal welchen sozialen Status sie haben, mir und meinen jungen Freunden, eben diese Wärme und die Erlösung meines inneren und äußeren Chaos. Geben mir ein Ziel, eine Aufgabe und eine Losung für mein Leben. Nimm dir was dir gehört, sage genauso wie das FREMDE zu deinem Leben ICH WILL!…

Teil 3

Ich WILL!…

Zurück.

Zurück in den Leib der Frau, die mich geboren hat, eingerollt als kleiner Embryo versorgt durch den Schlauch schwimme ich im Fruchtwasser, schlage Purzelbäume, trete und boxe meine Mutter, um ihr meine Stärke zu zeigen, zu zeigen das ich da bin, dass ich gewillt bin an dem Leben teilzunehmen, das ich ein Teil ihrer, ein Teil ihres Lebens bin und immer sein werde. Verbunden durch das Band, was eine Mutter zu ihrem Kind knüpft. Erwartet wird das sie es knüpft, sonst ist sie eine schlechte Mutter.

Ich bin abhängig von dem, was sie mir geben kann. Zu geben bereit ist. Die beschützenden Hände streicheln über ihre Kugel. Liebevolle Töne und Gesänge dringen zu mir und geben mir die Geborgenheit, die Sicherheit, das alles gut ist und außer Frage steht. Urvertrauen.

Warum muss der Mensch diesen Ort verlassen?

Noch hat das ungeborene Geschöpf kein Bewusstsein für die dunkle kalte Welt da draußen, die sich dann bedrohlich, mit all ihrer kraft auf das Neugeborene Geschöpf stürzt und es ihm entreißen will, das Leben. Denn die Mutter kann ihm die benötigte Liebe nicht geben. Zu groß sind ihre Sorgen und Ängste, ihre Abhängigkeit von ihrem arbeitslosen Mann.

Und sie selbst, die an den Kassen der Märkte den Konsum der anderen scannt und sich deshalb nicht so um ihr Junges kümmern kann, wie es ihr Verstand sagt und ihr Gefühl vorgibt, und die Gesellschaft erwartet.

Deine Angst, deinen Zweifel, dein verloren gegangenes Vertrauen an das Gute, das ich spüre, Mutter, aufgesogen mit deiner Milch. Deinen Kummer über deinen verpufften Lebensaufwand, den ich sehe, Vater. Ich verstehe und verstehe zugleich nichts davon. Ich will das ihr mir Liebe schenkt, mich seht und hört, aber wie sollt ihr dazu fähig sein, gefangen in euren eignen Käfigen, den Schlüssel verloren, den Sinn vergessen, mich vergessen, als Bündel abgestellt in einer Ecke, verstaubt, wie ein aus der Kindheit als Erinnerung an das Schöne, übriggebliebene Spielzeug. Ich verstehe euch. Nicht mehr.

Ich will nicht mehr stumm in der Ecke stehen! Ich werde mich für euren sozialen Niedergang rächen und mir mein Recht auf mein junges Leben zurückzuholen.

“Also los Junge. Komm zu uns Junge“, höre ich die rechten Jungs rufen und immer näherkommen.

„Mach schon du blonder Engel“, streicheln sie mir über den Kopf.  

„Du deutscher Junge“, erinnern sie mich an das, was ich bin.

“Binde deine Springis mit den weißen Schnürsenkeln feste zu, poliere die Stahlkappenspitzen und gehe los, mit strammem Schritt und grölender Stimme, mit uns, der Meute, die so denkt wie du, die so braun ist wie du, so überzeugt ist wie du es bist und suche dir deinen Feind.

Aber bevor der Feind dran ist und das bekommt, was er verdient, hat…

…ist dein Vater dran. Ist deine Mutter dran. Bist du dran. Sind wir dran. Wir Deutschen und damit meinen wir die Deutschen, die auch wirklich deutsch sind, denen hier alles gehört. Wir holen uns das, was uns zusteht und sei es mit Gewalt.

Wir wollen das IHR dahin geht, wo ihr hergekommen seid, egal wie es bei euch ist, das interessiert uns nicht. Euch hat es doch auch nicht interessiert das unsere Großeltern dieses Land, dass ihr als das Paradies deklariert, aus dem Staub und dem Schutt der Bomben, die auf uns gefallen sind, wie Phönix aus der Asche haben wieder auferstehen lassen. Schafft vergleichbares in euren fremden Ländern, zeigt uns das ihr gewillt seid eures wieder aufzubauen, legt selbst Hand an, da, wo ihr herkommt, und wir haben kein Problem miteinander. Wir bekommen das Problem, wenn ihr hierbleibt, wenn ihr unsere Farben mit euren vermischt.“

So sprechen die rechten Jungs aus dem Ort, an dem ich groß werde. Mit einer Ausländerfeindlichkeit die niemand verurteilt. An deren Lippen ich aber hänge, jeden Gedanken, zu meinen mache, und denen ich blind und voller Opferbereitschaft folge, weil sie mich so akzeptieren wie ich bin, denen es egal ist, dass ich keine Freundin habe, mit der ich rummachen kann, die mich mit wärmender rechter Hand in ihren Kreis aufnehmen.

“Lauf ruhig erst mal mit. Alles gut.“

Freundschaft.

Und wenn ich dann abends, mit meinen erschöpften Eltern, stumm am Küchentisch sitze, höre ich die Hetzte über die Anderen, über das System. Die gleichen lautstarken Parolen aus dem Mund meines Vaters, das Nicken meiner Mutter, und Sekula im Kopf denke ich: hätte ich eine Pistole, gebe es kein Halten mehr.

Denn das Fremde in mir bist du, der du mir gegenüberstehst und ich habe keine Wahl als meine Scham vor mir selbst, vor dir, vor meinen Eltern, diesen Ekel, auszulöschen.

Ich trete der Ungerechtigkeit entgegen suche mir in diesem System, was Ihr schützende Demokratie nennt, einen Vertreter, der so denkt wie ich und will mit meiner Stimme, die ihr so sehr verlangt, mit meinem Kreuz, dem ich immer gerne einen Haken dran mache, euch gemeinsam mit den anderen zernichte.

Um die Kultur, unsere deutsche Kultur zu erhalten…

…stehen wir im Kreis. Grölende, schwitzende Körper. Mit nackten, von der Rasur verpickelten Köpfen, die Bomberjacken über dem weißen Unterhemd, Bierflaschen in der Hand. Kippen im Maul. Der Blick verwässert vom Alkohol aber voll lodernden Hass. Eine Geilheit auf das, was jetzt kommen wird. Die Sabber läuft uns aus den aufgerissenen schreienden Mündern. Die bulligen schwitzenden Körper reiben sich aneinander. Die rechten Jungs habe sich ein neues Opfer gesucht. Achmet geht in meine Klasse. Arme Sau oder doch ein Schlingel, ich weiß es nicht, denn immer wieder schaut er von seiner Schulbank aus verstohlen zu mir rüber und ich denke willst du mir mit deiner Familie und deinen Freunden ans Pein pinkeln? Plant ihr nicht eigentlich irgendeinen Angriff auf mich nur weil ich deutsch bin?

Aber heute Abend mein Freund bist du zur falschen Zeit am falschen Ort. Warum muss dieser Trottel, nachts, alleine auf ein deutsches Volksfest gehen? Was will er hier? Pure Provokation. Er hat es drauf angelegt. Die Anderen sind bestimmt auch gleich da. Achmet als Vorhut, um zu schauen ob es sich lohnt das Volksfest aufzumischen. Lungert am hintern Festzelt Eingang herum. Denkt wohl er wird nicht entdeckt, wie er da um die Ecke guckt, lüstern nach unserem Bier, dass er nicht trinkt, weil sein Glaube ihn dazu zwingt, zu verzichten. Lüstern nach unseren Frauen, aber sein Glaube ihn dazu zwingt seinen Schwanz einzuklemmen. Denkt also wohl nicht erkannt zu werden. Falsch gedacht.

Und…

…jetzt liegt er in der Mitte vor uns auf dem Boden, fleht und jammert. Hat sich vor Angst bestimmt auch schon in die Hose gepisst. Der Mopp setzt sich in Bewegung umkreist das hilflose Wesen. Grölt.


Es ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe, mich zu beweisen und endlich vollständig in den Kreis der rechten Jungs aufgenommen zu werden. Vom Mitläufer zum Täter.  

Meine Springis glänzen, frisch poliert und gewichst strahlen sie mich an, sind heiß auf ihren Einsatz. Ich löse mich aus dem stampfenden, tanzenden Kreis, der sein Opfer immer rasender und enger umrundet keuchend und stöhnend treiben sie mich an. Ich gehe mit entschlossenem Schritt auf Achmet zu. Sein Blick trifft meinen, er erkennt mich, kriecht auf mich zu, winselt, brabbelt, fleht mich an.

Ich bin klar im Kopf, ich bin klar mit mir, mir ist klar was jetzt kommen wird. Ich hole aus und trete mit meinen Springis gegen seinen Kopf. Ich bin überrascht, wie weich es ist gegen einen Kopf zu treten. Das der Widerstand der Schädeldecke so schnell gebrochen ist. Der Kopf gibt nach wie ein weiches Ei, zerplatz unter meinen Stiefeln. Ich trete wieder und wieder zu, schalte meinen Verstand aus, verliere mich im Rausch der Gewalt, sehe nicht das die anderen Jungs sich mir anschließen. Wir steigern uns in unseren Wahn, treten auf den gekrümmten, zerstörten Körper ein. Eine leblose Masse.

Es dampft. Wird seltsam ruhig. Ein lautloser stummer Akt. Der ewig dauert. Der erst durch das Blaulicht ein Ende findet. Es uns auseinander treibt. Wie junge Rinder springen wir davon, taumeln, fallen, verlieren uns in der Nacht, verlieren uns, verlieren mich,

Ich verliere mich

Teil 4

Ich verliere

Ich

Sitze, liege, stehe in meiner Zelle in der JVA vor einem Menschen, der mir helfen soll und meine Augen öffnen will.

Doch meine Augenlieder sind verkrustet, lassen mich bei jedem Versuch zu Blinzeln aufschreien vor Schmerz, der sich in meine Eingeweide frisst. Also lass ich die Augen lieber zu. Ich höre dir zu. Er soll mir helfen. Du musst mir helfen, bitte hilf mir, denn die lauten Schreie in meinem Kopf, der zertrümmerte Schädel aus Matsch, will vor meinem inneren Auge nicht verschwinden. Der zuckende Körper des kleinen Jungen Achmet zu meinen Füßen nicht aufhören mir in meinen traumwandlerischen Nächten zu begegnen, mir mit Blut meine Scham und meine Schuld auf die Stirn zu schreiben: du, du hast mich, du hasst, du hast mich gefragt und ich hab nichts gesagt, die Zunge verschluckt, nach all den bösen Worten die meinen Mund verlassen haben. Abgesondert in das Universum, hallen sie immer wieder nach, laut, leise, hämmern sie sich in meinen Kopf und schnüren meine Kehle zusammen, sodass ich nicht mehr fähig bin zu atmen.

Weil es keine Entschuldigung für die grausamen Taten gibt, die wir an schuldlosen Menschen verübten.

Weil es keine Entschuldigung dafür gibt, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zu verurteilen, zu hassen, zu töten.

Die Stimme des Menschen, der sich nur Doktor M. nennt und der mir gegenüber sitzt, steht, kniet, legt seine warme Hand auf meine kühle Stirn und ich gebe nach und lasse meine Augen zu und lasse meine Augen zu und lasse zu, dass die Kruste auf meinen Augen sich schon lösen, von mir erlösen wird, sie sich öffnen werden, wenn sie so weit sind den Schmerz und die Scham zu ertragen, es zuzulassen und zu akzeptieren, es als einen Teil meines Selbst zu sehen. Die Strafe akzeptieren. Es auszuhalten, dass die Scham nicht mehr weg gehen wird.

Deshalb höre ich zu und sauge seine Stimme in meinen Kopf auf und sauge seine wohlwollende Stimme in meinen Kopf auf und lausche seinen Geschichten, beginne zu heilen und mir zu verzeihen…

Klaus Barbie, der Gestapo-Schlächter von Lyon, der den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin zu Tode gefoltert hat, sagte in einem Interview mit Neal Ascherson (1983):

«Als ich Jean Moulin vernahm, hatte ich das Gefühl, daß er ich selber war.» Das heißt: Was der Schlächter seinem Opfer antat, tat er in gewisser Weise sich selbst an. Worauf ich hinauswill, ist dies: Fremdenhass hat auch immer etwas mit Selbsthaß zu tun. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen andere Menschen quälen und demütigen, müssen wir uns zuerst mit dem beschäftigen, was wir in uns selbst verabscheuen. Denn der Feind, den wir in anderen zu sehen glauben, muß ursprünglich in unserem eigenen Innern zu finden sein. Diesen Teil von uns wollen wir zum Schweigen bringen, indem wir den Fremden, der uns daran erinnert, weil er uns ähnelt, vernichten. Nur so können wir fernhalten, was uns in uns selbst fremd geworden ist. Nur so können wir weiter aufrecht gehen.

Von Beginn an, als mein gescheiterter Vater mir seinen niedergedrückten Rücken zukehrte und seinen Spott, mir, sich selbst und dem Leben gegenüber in seinem Kummer ertränkte, meine Mutter immer dünner wurde und wie ein Schatten durch unser Haus geisterte und ihre Abscheu mir und meiner Schwester gegenüber in Missachtung zeigte, fing ich an zu hassen. Ich hasste mich dafür, dass ich da war und ihnen das antat, das ich die Schuld an ihren missratenen Leben hatte. Und ich hasste sie, dass sie es wagten mich zu zeugen und in diese Welt zu setzten, in der die Bedrohung von außen und innen mit knochigen Händen nach mir griff. Wie soll ich das Andere, das Fremde, lieben und willkommen heißen, wenn ich mich selbst nicht lieben kann?

Die warme Stimme von Doktor M., seine Hand auf meiner Schulter, spricht: löse dich von deinem Verlangen nach einem Vorbild. Lass das Ideal deiner Eltern los. Suche keine Bestätigung in dem Anderen. Ich helfe bei deiner Suche nach dir selbst. Nur so kannst du deine wahre Identität bestimmen, die du nie finden durftest.

Ich bin bereit erst einmal zu liegen dann auf allen vieren zu krabbeln und schließlich, mit wackeligen Beinen, die ersten Schritte zu gehen. Aus meinem alten Leben in mein neues, unbekanntes Leben.

Ich öffne meine Augen unter Schmerzen und sehe mit Tränen überströmten Blick in mein Spiegelbild.

Und Ich sehe mich! Und das erste Mal in meinem Leben schaue ich nicht weg.

Teil 5

Die Gegenwart 2025

Die Lebensunzufriedenheit der jungen Menschen zwischen 16 und 34 Jahren, ist nach jüngsten Untersuchungen und Studien zu den vergangenen Wahlergebnissen bei der Europawahl, und den Landtagswahlen 2024 aber auch der Bundestagswahl 2025, und der Ursachenforschung, warum immer mehr jungen Menschen die AfD wählen, auf einem Tiefstand.

Dies trifft sowohl auf die Menschen zu, die aus sozial prekären Milieus kommen, als auch aus der Mittel und Oberschicht. Ein sozialer Unterschied ist also kein Kriterium mehr sich für die AfD zu entscheiden.

So ist die AfD bei der Bundestagswahl bei den 18- bis 24-jährigen Menschen mit 21% die zweitstärkste Kraft hinter der LINKEN (25%) geworden. Bei den 25 bis 34 Jahre alten Menschen, sogar mit 24% und einem großen Abstand zur CDU (hier zweitstärkste Ergebnis) die stärkste Kraft.

Die AfD ist also schon lange keine Partei mehr an die sich die zum Teil unzufriedene, Politik und Demokratie verdrossene älter Generation als Protestpartei klammert, so wie es in den ersten Jahren nach ihrer Parteigründung vornehmlich noch der Fall war.  

Warum ist eine, in einigen Bundesländern gesichert rechtsextreme Partei, die es geschafft hat trotz ihrer Demokratiefeindlichkeit einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu bekommen, bei jungen Menschen so beliebt und eine ernsthafte Wahloption geworden?

Es gibt eine gefühlte Unsicherheit durch zu viele Krisen, die die jungen Menschen in eine Defensive bringen und eher dazu neigen lässt, sich und die Seinen schützen zu wollen, als mit offenen Armen durch die Straßen zu laufen.

Diese Lebensunzufriedenheit, ausgelöst durch diese Krisen, wie der Pandemie, der Krieg in Europa und dem Nahen Osten, die Inflation und der Handelskrieg mit den USA, der Diskussion um den globalen Klimawandel, die gefühlte Überflutung von Menschen, die auf der Flucht sind und zu uns kommen, der völlige aus den Fugen geratene Wohnungsmarkt, die wirtschaftlich instabile Situation in Deutschland und der dadurch entstanden Verzicht auf Dinge und das alles trotz guter Chancen auf dem Arbeitsmarkt, führt zu einer Angst vor einer ungewissen Zukunft. Angst davor weder Eigentum noch eine stabile Zukunft sich leisten zu können.

Die jungen Menschen fühlen sich von der jetzigen Regierung, dem politischen System, vergessen, von den Entscheidungsträgern allein gelassen und nicht ernst genommen.

Sie sind enttäuscht, das Versprechen, die gegeben wurden, wie: eine gute Bildung, Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und der Lösungsorientierte Umgang mit Krisen, nicht eingehalten und unzureichend angegangen werden.

Dadurch entsteht schon bei jungen Menschen eine Politik Verdrossenheit, die dazu auch noch von dem Familiären und sozialen Umkreis supportet und bestätigt wird.

Eine allgemeine Angst, macht sich also in allen Lebensbereichen breit, obwohl diese Menschen, sich mit ihrer jugendlichen Energie ins Lebens stürzen könnten. 

Und genau mit dieser Angst arbeitet die AfD und holt die Menschen mit gezielten Ansprachen und einfachen und verständlichen Lösungen und Versprechen für komplexe Themen und Probleme, was alles durch sie besser wird, ab. Egal ob diese Lösungen einen Realitätscheck bestehen würden, entsteht so der Eindruck, dass die AfD sie in ihren Sorgen ernst nimmt, ihnen zuhört und bemüht ist auf sie einzugehen. Eine gefühlte Sicherheit zählt mehr als eine faktische Sicherheit. 

Das größte Versprechen, was sie abgibt, ist die Rückkehr zu einer einfacheren, sicheren, friedvolleren Welt. Denn die jungen Menschen fühlen sich aufgrund der Komplexität der heutigen Welt überwältigt.

Das Hauptthema der AfD ist und bleibt aber die gefühlte Überfremdung. Sie schafft es, dass die junge Wählerschaft völlig ausblendet, dass es Zuwanderung braucht für unsere alternde deutsche Gesellschaft und den Wunsch danach den Lebensstandard, den Wohlstand, auch für die Zukunft zu erhalten.

Wie keine andere Partei beherrscht die AfD die Kommunikation über die sozialen Netzwerke wie Tick Tock, Instagram und YouTube. Und die jungen Menschen beziehen die meisten Informationen, die sie konsumieren, darüber.

Durch kurze zugespitzte Inhalte, durch Provokation und vor allem Emotionalisierung, wird die Verbreitung von Desinformationen begünstigt.

Der durch die verschiedenen Endgeräte ungebremste Informationsfluss, und Medienkonsum, das ständige Gefühl sich selbst, auch zu all den Themen und Krisen verhalten zu müssen, die Bilder und Nachrichten, wie zum Beispiel zu dem Krieg in der Ukraine, führt zu einer Krisendauerbeschallung, mit dem jungen Menschen nur schwer klarkommen.

Als eine ihrer Grundsäulen hat sich die AfD bei der Parteigründung 2014, den Bereich Sozial Media, auf die Fahne geschrieben und über die letzten 10 Jahre so gut und gewissenhaft ausgebaut, dass wie der Wahlkampf zur Europawahl gezeigt hat, ein Maximilian Krah, zu einem der populärsten Politiker und Parteipersönlichkeit unter der jungen und vor allem männlichen Wählerschaft gezogen wurde. Erst sein Absägen und stille verschwinden lassen der AfD nach den Skandalen die Krah jegliche Integrität genommen haben, hat seine Popularität verlieren lassen, aber nicht wegen seiner Inhalte die Krah propagierte, sondern einfach, weil er in den sozialen Medien nicht mehr verfügbar und sichtbar war.

Bei dem Konsum von rechtem Gedankengut kommen junge Menschen mit den zum Teil rechtspopulistischen Inhalten der AfD und rechten Gruppierungen in Kontakt und wenn es erst nur aus reiner Neugier ist. Doch das reicht meist schon aus, um mit der AfD zu sympathisieren und für einige auch sich zu radikalisieren. Dazu kommt das rechtsextreme Gesinnung und Gedankengut leider bei jungen Menschen ganz banal gesprochen gerade im Trend liegt. Es ist Hip die AfD zu wählen. Und die AfD nutzt das sehr geschickt aus.

Ein gutes Beispiel ist die SIMSON Plakat Kampagne. Das Moped SIMSON ist im Osten ein Zeichen der guten alten Zeit, der Freiheit jugendlicher Energie, ein Zeichen der DDR. Die Elterngeneration hat ihre Jugend auf dem Sitz dieser Mopeds verbracht. Nun will es aber der Klimaschutz das der Verbrenner-Motor verschwindet. Und so auch die SIMSON, die gerade unter jungen Menschen in den letzten Jahren, eine unfassbare Beliebtheit gewonnen und zum Symbol der Unabhängigkeit geworden ist. Die AfD wirbt auf den Plakaten dafür, sich von den Altparteien diese Freiheit nicht nehmen zu lassen. Sie würde dafür Garantieren, dass die SIMSON das Symbol bleibt als was das Moped gefeiert wird. Und wenn sich dann noch ein Björn Höcke auf eine solche SIMSON setzt und mit jungen Menschen durch sein Heimatdorf eine Spritztour macht, ist die Katze im Sack.    

Bei all dem spielen im Internet und sozialen Medien die Algorithmen die entscheidende Rolle.

Der Algorithmus, der sich dann aus dem Suchverhalten ergibt und ähnliche Beiträge erzeugt, bestätigt das verzerrte Bild der Realität und fördert ein Gefühl von Bestätigung eigener Vorurteile und Ängste. Und beeinflusst so Wahlentscheidungen zugunsten der AfD. Die es immer wieder schafft sich durch extreme Positionen in Stellung zu bringen.

Der Fakt das die AfD, wie schon gesagt eine zum Teil gesichert rechtsextreme Partei ist, geht an ihnen vorbei oder wird nicht ernst genommen. Ja zum Teil bestärkt es sie eher in ihrer Wahlentscheidung und legen es dem Bundesverfassungsgericht, dem Rechtssystem und den Altparteien als Lüge aus.

Es geht nicht um das, was wahr ist, sondern sich als Wahrheit anfühlt.

Was können wir tun?

Alle sind gefragt die ein anderes Bild von unserer Gesellschaft und Demokratie haben als die AfD und rechtskonservative und rechtsextreme Gruppen/Parteien uns erzählen wollen.

Angefangen bei der Politik, über die Medien und Wirtschaft und in der Bildung, gilt es mehr auf die Ängste der jungen Menschen einzugehen. Ihnen zuzuhören, sie an der Bewältigung der Krisen teilhaben zu lassen, sofern sie das wollen.

Auch das Streuen und Schalten von mehr positiven Nachrichten ist wichtig. Wenn ich mich ständig allem Aussetzte was falsch und schlecht ist, geht der Kopf runter und nicht hoch. Oder wenn er hoch geht, dann aus Wut und Trotz.

Die Schulen sollten und müssten alles dafür tun das junge Menschen die Schule mit dem Gefühl verlassen, das ihre schulische Bildung sie ausreichend aufs Leben vorbereitet hat.

Gemeinsam könnten Konzepte erarbeitet werden, wie junge Menschen höhere Kompetenz im Umgang mit Finanzen/Stress und Drucksituationen, den Umgang und das frühzeitigen erkennen von und mit Desinformationen. Allgemein eine stabilere Medienkompetenz.

Noch wichtiger als all das, scheint mir aber für junge Menschen die Suche nach der eigenen Identität.

Mich hat das in meiner eigenen Jugend sehr beschäftig. Wo gehöre ich hin? Welcher Meinung, welcher Gruppe schließe ich mich an? Wer bin ich? Wer will ich sein?

Erst durch meine Lebenserfahrungen, die ich machen durften, gute und schlechte, durch Begegnungen mit Menschen, die mir gute Fragen gestellt haben, und vor allem das akzeptieren meiner Selbst, haben mich auf den Weg gebracht meine Identität zu finden und weiter an ihr zu arbeiten.

Das gleiche Wünsche ich auch den jungen Menschen, die sich schwertun und orientierungslos sind.

Ich will versuchen Orientierung zu geben.  

Denn wie Arno Gruen ein Psychoanalytiker Schriftsteller und praktizierender Psychologe anmerkt, sind wir völlig unklar und überfordert mit dem Umgang der Menschen, denen ihre wahre Identität fehlt.

Arno Gruen fasst es für mich sehr logisch und nachvollziehbar zusammen: „Menschen deren potenzielles Selbst entfremdet wurde, sind auf äußere Regeln und feste Rahmenbedingungen angewiesen, die ihrem Selbst Sinn und Halt geben. Wenn dieser äußere Rahmen zu zerbrechen droht, weil zum Beispiel autoritäre Strukturen, die Beziehungen, Bräuche und Sitten regeln, nicht mehr halten, dann suchen solche Menschen dort Zuflucht und Sicherheit, wo sie Autorität zu finden glauben oder wo sie ihnen versprochen wird. In Zeiten der Erneuerung wird jede Veränderung der Beziehungs-Status-Strukturen als Bedrohung empfunden, selbst wenn sie mehr wirtschaftlichen Wohlstand und eine Verbesserung der Lebensbedingungen mit sich bringen. Menschen ohne eigenes Selbst brauchen die Autorität, damit diese ihr Persönlichkeitsbild zusammenhält und sie werden immer gezielt versuchen diese mit Gewalt zurückzuholen. “