Der unruhige Schlaf der ihn weckt. Die müden Augenlieder die sich öffnen. Die steifen Glieder, die sich aufmachen und strecken. Einen neuen Tag zu beginnen. Den er schon nach den ersten Sekunden im bewussten Wachsein wieder beenden will. In sich eingesperrt. Der Ablauf. Die Routine. Das Rotieren. Das nicht ausweichen können. Er geht die gleiche Spur wie morgen und verlässt sie nicht seit gestern. Er befindet sich im ständigen Dauerlauf des Tages. Gehalten durch die Spannung des Nervensystems und der Muskulatur. Durch das wegdrücken jeder sich anschleichenden Schwächen. Durch das runterschlucken jedes aufkommende Schmerzen. Selbst die kaum wahrnehmbaren. Die, wie auf Katzenpfoten sich aus dem Halbschatten leise anschleichen. Als wäre er eine Maus. Als wäre er ein Spatz. Nur mit der Tatze draufhauen und betäuben. In den Zustand zu bringen, nicht wirklich mehr auf die seine Umwelt reagieren zu können. Sich der Spiellust der Katze hingeben, bis zur völligen Erschöpfung. Bis zum fast tödlichen Stoß. Um dann von der Katze, weil zu langweilig, in der Ecke liegen gelassen zu werden und armselig zu verenden. Die Lebensgeister weichen aus dem toten Leib der menschlichen Maschine. Denkt sich die Maschine Mensch, die er ist. Wenn Nervenfasern sich zerfransen und keinen Weg mehr finden gesund zu werden. Wenn Schlaflosigkeit deinen Geist verstört, verwirrt und unklar im dichten Nebel sich verirren lässt. Wenn Müdigkeit dir keinen Grund mehr gibt einen klaren Gedanken zu fassen. Wenn der Hunger dich treibt und du ihn unterdrückst, um Stärke zu verstehen. Wenn du dann immer wieder einen neuen Schritt in die Richtung des weitermachen, ins Vorankommen gehst. Du deinen Körper schwinden siehst und deine Kräfte dahinsiechen. Wenn du zerfließt und dich auflöst. Du deine Beine vor brennenden Schmerzen nicht mehr bewegen kannst. Jeder Schritt der eines Krüppels. Keine Kraft. Der Körper. Wann knickt er ein. Wann gibt er auf. Du wartest darauf das deine Maschine versagt. Dein Körper dir den Todesstoß versetzt, damit du endlich aufhören kannst zu funktionieren. Denn solange er es noch mit macht, deine perfide Selbstverstümmelung, so lange wirst du nicht aufhören deinen Körper SELBST ZU VERSTÜMMELN. Er steht auf und setzte sich. Er steht auf und setzt sich. Er steht auf und setzt sich. Gefangen in einer immer gleichen Abfolge von Bewegungen. Als Zeichen des nicht zur Ruhe zu kommen. Als Beweis das es keinen Ausweg gibt. Keinen Ausweg aus dir und aus der Maschine Mensch die du bist. Keine Chance zu entkommen. Kein Entrinnen. Nein! Nichts! Nein! Er führt die Bewegungen immer rascher aus. Sein Atem wird schneller. Hastiger. Wie eine Dampflock die Fahrt aufnimmt. Der man ununterbrochen frische Kohle in den Tender schaufelt. Von Kohle geschwärzte Hände und Münder voll Schaum. Von der ständigen Schaufelei. Die Maschine Mensch verlangt. Will mehr. Will gefüttert werden. Der Druck auf dem Kessel ist hoch. Die Luft entweicht. Der Dampf flieht in den Himmel. Der schaut hinab auf die Maschine und nimmt das weiße Konzentrat dankbar auf. Die Hände schaufeln ununterbrochen. Der Schaum treibt die Lock voran. Auf den Gleisen des Lebens in ein ungewisses Ziel. Weil Ziele sich entfernen. Weil Ziele sich verändern. Weil Ziele einen Weg verlangen, den man geht. Weil Ziele mit Erwartungen verbunden sind. Weil Erwartungen erfüllt werden müssen. Weil Erwartungen erfüllt werden wollen. Weil alle immer erwarten, dass man doch erwarten kann, keine Erwartungen zu haben an die Erwartungen. Die Maschine verliert sich in einem Strudel aus Erwartungsdruck und liefert weiter Ergebnisse. Nur für wen? Nach einer schier endlosen Fahrt kommt die Dampflock zum Stillstand. Sie tut sich schwer still zu stehen. Aber die Gleise hören einfach auf. Beenden die wilde Fahrt und verlangen einen Umstieg. Eine Veränderung. Denn das Leben kann so nicht weitergehen, obwohl es weiter geht, und zwar genauso wie vorher, nur eben anders. Die Maschine Mensch die du bist, steht vor einer Tür. Einer Aufgabe. Die darauf wartet geöffnet und gelöst zu werden. Von ihr, der Maschine. Von ihm, der die Maschine ist. Von dir als Mensch. Da ist sie wieder, die Erwartung! Er öffnet eine Tür. Und tritt über die Schwelle in einen Raum der Erschöpfung. Die Erschöpfung sitzt auf einem kleinen Hocker. Mit geflochtener Sitzfläche. Ihr Rücken ist gekrümmt. In immer wieder kehrenden Abständen entweicht ihr ein kleiner Seufzer. Sie atmet schwer. Ihre Gestalt hebt und senkt sich bei jedem Zug. Es scheint sie viel Kraft zu kosten. Das Atmen. Der Luft. Er fragt. „Erschöpfung was seufzt du so? Warum geht dein Atem so schwer? Ist das dein Naturell?“ Ihm scheint sie quält sich so wie er sich quält, durch sein Leben, durch das Sein auf dieser unerträglichen Welt. In die er immer tiefer stürzt. Immer schneller. Den unkontrollierten Abstieg nicht verhindern kann. Nicht verhindern will. Nur das er der Aktive ist und die Erschöpfung die Passive. Nur das er immer das Gefühl hat etwas geschafft, etwas geleistet zu haben. Immer eine Aufgabe erledigt zu haben. Immer noch eine Runde mehr zu gehen, mit einem eigentlich schon völlig am Boden liegenden, zerschmetternden Körper. Noch einmal draufgehauen und gezeigt das dein Körper, das du eine Maschine bist und ich bestimme, wie lange er läuft. Es ist mein Wille und er soll geschehen. Das alles denkt er sich oder spricht er es laut aus? Denn die Erschöpfung hebt ihren Kopf und starrt ihn mit ihren völlig übermüdeten und alten, sehr alten Augen an. „Du wagst es hier hereinzukommen. Mann! Was bildest du dir ein. Du, der mich nicht akzeptiert, der mich verdammt, verflucht und hasst. Der alles was ihm an Kraft zu Verfügung steht, aufbringt, um mich zu eliminieren. Du kommst also zu dieser Tür herein? Was willst du?“ „Ich wusste nicht, dass du dich hier verbirgst Erschöpfung, aber es ist wohl Fügung, denn ich bin,“ und er spürt, wie das Wort was er gleich aussprechen würde leicht von den Lippen geht, leichter als er je erwartet hätte, „ERSCHÖPFT, nur weiß ich nicht wie es sich anfühlt und vor allem was ich tun soll mit der ERSCHÖPFUNG. Hilf mir.“ Sie lacht lauthals los. Wobei laut immer noch sehr leise war. Und krümmt sich dabei noch tiefer in sich zusammen. Verschluckt sich an ihrem gebrochenen Atem. Muss sich räuspern, ausspucken. Das Gesicht mit Schweiß bedeckt, greift sie in ihre linke Manteltasche und fischt einen kleinen runden, abgegriffenen Spiegel hervor. Sie reicht ihm den Spiegel hinüber. Vorsichtig tastet er danach, entscheidet sich den Spiegel in die Hand zu nehmen und blickt hinein. Der Schreck auf das was er erblickt ist so groß und Mark erschütternd, dass er den Spiegel fallen lässt und das Schmuckstück in viele kleine Einzelteile zerspringt. Und selbst in den Scherben blickt es ihn noch weiter an. Sein Spiegelbild. Hundertfach. „Na, erkennst du mich in dir?“ fragt die Erschöpfung mit besorgter Miene. Wie lang hatte er sich nicht mehr in einem Spiegel betrachtet? Oder hat er in den Spiegel geschaut, aber keine Zeit genommen sich genauer anzusehen? Wertvolle Sekunden die es an anderer Stelle einzusetzen galt. Er schaut der Erschöpfung in ihre müden Augen. Es liegt trotzdem ein Funkeln darin. Etwas gutmütiges. „Warum habe ich den Eindruck das es dich freut mir mein Spiegelbild zu zeigen? Was willst du damit bezwecken?“ „Ich zeige dir einfach die Wahrheit, wie der Spiegel bei Schneewittchen. Die böse Hexe kommt nicht an der Wahrheit vorbei, dass Schneewittchen die schönste im Land ist. Der Mord ist für sie die einzige Lösung sich von ihrem Leid zu befreien!“ „Danke, danke! Das kann ich jetzt echt gebrauchen. Soll ich mich also umbringen? Oder jemand anderes? Wer ist denn mein Schneewittchen? Etwa du? Wie bringe ich dich denn um, Erschöpfung, sag es mir und ich wäre alle meine Sorgen los!“ Sein Ton wird zynisch, er spürt die aufkommende Wut und Ungeduld, die Aggression und der Kampfgeist, der Erschöpfung zu beweisen das sie niemals gewinnen wird. „Komm zu mir und umarme mich. Erkenne an, dass du müde und verbraucht bist. Und erkenne an, dass er dir gefällt. Dieser Zustand. Das du danach suchst. Du immer und immer wieder daran arbeitest, dich so zu fühlen, wie du dich jetzt fühlst. Ja, dass du danach süchtig bist wie nach Kokain. „Davon könnte ich jetzt einiges gebrauchen.“ entgegnete er, die Maschine Mensch die er ist, die nicht mehr Maschine sein will. Die Erschöpfung lacht. Ihr Lächeln ist charmant. Seine Wut und Ungeduld weichen einem Gefühl der Wärme und Sympathie. So schnell, trotz großem Widerstand. Ist seine Kraft schon so gebrochen, zerbrochen, versiegt?! Je mehr er bei ihr Zeit verbringt, desto mehr spinnt sie ihn in ihre Müdigkeit ein. Umwickelt ihn mit ihrer Zerschlagenheit. Erlöst ihn in ihrer Entkräftung. Die Maschine Mensch, die er ist lässt es geschehen. Über sich ergehen. Der Widerstand ist gebrochen. Willkommen in der Leere. Im Nichts. Im Sein. „Ich habe mich in dich verliebt, deine Künste sind bezaubernd, vereinnahmen mich in dir!“ Wortlos schließt die Erschöpfung ihre Arme um ihn. Die Maschine Mensch die er war. Schläft ein. Schließt seine Augen. Es flackert hinter seinen Augenliedern. Aber er lässt sie geschlossen. Zwingt sich liegen zu bleiben und die Augen geschlossen zu halten. Zwingt sich, sich der Erschöpfung hinzugeben. Zwingt sich. Ohne Erwartung.
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